Was sucht der Mensch im Wurmloch

Es ist verdammt einsam im Weltraum. Und so still, dass man das Blut in den Adern rauschen hört. Die überwältigende Weite, sozusagen die ultimative Grenzerfahrung, und die akustische Leere sind eine perfekte Kulisse für die ganz großen Fragen der Menschheitsgeschichte: Woher kommen wir? Was macht uns aus? Existiert eine höhere Macht jenseits unserer Vorstellungskraft (im religiösen wie metaphysischen Sinne)? Es ist wohl dem Pioniergeist der Science-Fiction geschuldet, die Antworten eher in fernen Galaxien zu suchen statt auf dem eigenen Planeten. In Interstellar, Christopher Nolans Wurmloch-Spektakel, nehmen eine Handvoll Menschen einen wirklich sehr weiten Weg auf sich, um Antworten zu finden, die über die Zukunft der Menschheit entscheiden könnten.

Nun ist das US-Blockbusterkino nicht unbedingt die erste Adresse für fundierte philosophische Abhandlungen. Aber Nolan nahm seine Prämisse ernst genug, um den Astrophysiker Kip Thorne, der  vor allem zu den Phänomenen der Gravitation und Relativität forscht, als Berater zu engagieren.

Oberflächlich betrachtet erzählt Interstellar in emblematischen Bildern vom Überleben. Auf der Erde zeichnet sich das Ende eines weltgeschichtlichen Zyklus ab. Gewaltige Sandstürme überziehen die USA – oder wenigstens jenen Teil des Landes, der schon zur Zeit der Wirtschaftskrise Dust Bowl genannt wurde. Die Mais-Ernte wirft kaum noch Ertrag ab, Weizen wird aufgrund der klimatischen Veränderungen längst nicht mehr angebaut. Die Versorgungslage sieht katastrophal aus. Die Menschen sollen Farmer werden, um wenigstens das Nötigste zu haben. Entdeckerdrang? Nicht mehr als eine Erinnerung, die in Interstellar auch noch als ironische Fälschung daherkommt: Hier lernen die Schüler aus ihren Büchern, die Mondlandung sei nichts weiter als eine teure Propagandainszenierung aus der Ära des Kalten Kriegs gewesen.

"Früher haben wir zum Himmel hochgesehen und uns gefragt, wo unser Platz im Universum ist. Heute blicken wir auf den Boden hinab und zerbrechen uns den Kopf über unseren Platz im Schmutz," monologisiert der von Matthew McConaughey gespielte Nasa-Pilot Cooper, der die vielleicht letzte Weltraum-Mission der Menschheit leiten soll. In der Nähe des Saturns ist ein Wurmloch – der Rettungsversuch einer höher entwickelten Spezies? – entdeckt worden. Das Tor in eine andere Galaxie. Es besteht die geringe Chance, jenseits des Sonnensystems auf einen bewohnbaren Planeten für einen kleinen Rest der Menschheit zu stoßen.

Cooper ist allerdings nicht nur ein guter Amerikaner, er ist auch ein guter Vater: Zum Abschied verspricht er Tochter Murph und Sohn Tom, heil von seiner Mission zurückzukehren. So zieht sich in Interstellar die familiäre Bande über eine Entfernung von Tausenden von Lichtjahren, aufrechterhalten durch sporadische Videobotschaften. In diesem Punkt müssen die Gesetze der Physik der Logik des Drehbuchs weichen.

Interstellare Familienaufstellung

So ein Wurmloch ist für eine interstellare Familienaufstellung natürlich ein ziemlich spektakulärer MacGuffin. Nolan ist in letzter Zeit nicht der einzige Regisseur, der die Leere des Weltalls als Projektionsfläche für eine existenzielle Selbstbefragung nutzt. In Ridley Scotts Prometheus bereist ein Forscherteam ebenfalls eine ferne Sternenkonstellation, wo es Antworten auf den Ursprung der Menschheit zu finden hofft.

Die noch immer beliebte Erich-von-Däniken-These, dass der Mensch von Außerirdischen abstamme, führt die Raumfahrer in eine Höhle, die an ein urzeitliches Kino des kollektiven Menschheitsbewusstseins erinnert – inklusive hübschen 3-D-Hologrammen der riesenhaften Menschenschöpfer. Der Weltraum als Ort der Erinnerung, eine einzige, sich in die Unendlichkeit erstreckende Transzendenzkammer: Hollywood hat sich diese Vorstellung in letzter Zeit einiges kosten lassen.

Christopher Nolan geht mit Interstellar allerdings so weit wie kein anderer Regisseur zuvor – und das ist durchaus im Wortsinn zu verstehen. Da schwebt eine Raumstation vor einem gewaltigen Schwarzen Loch, das von einem gigantischen Staubkranz umgeben ist. Und auf einem vertraut erscheinenden Wasserplaneten bilden sich kilometerhohe Flutwellen, für die sich selbst ein Roland Emmerich nicht zu schämen bräuchte. Der Imagination sind keine Grenzen gesetzt und Nolan besitzt die technischen Mittel sowie das Fachpersonal, seine Vision von fremden Galaxien in spektakuläre Bilder zu übersetzen.

Gleichzeitig halten die imposanten Dimensionen, mit denen die Raumfahrer im All konfrontiert sind, den Menschen zur Demut an. Vielleicht ist die aktuelle Science-Fiction aus Hollywood im Kern auch deshalb immer etwas klein gedacht. Am Ende von Oblivion kehrt Tom Cruise zu Frau und Kind in sein Zuhause an einem idyllischen See zurück. Und in Gravity von Alfonso Cuarón ist es die Erinnerung an die verstorbene Tochter, die Sandra Bullocks Astronautin am Leben erhält.

Interstellar ist da ganz typisch für das aktuelle Science-Fiction-Kino. Der Film verknüpft das Thema Erinnerung mit dem Motiv des schieren Überlebenswillens. "Das letzte Bild, das der Mensch im Angesicht seines Todes vor Augen hat", erzählt ein einsamer Raumfahrer, den Coopers Crew auf ihrer Reise aufliest (nebenbei ein toller Überraschungscameo), "ist das seiner Familie." Dies ist es, was den Menschen, Lichtjahre von der Erde entfernt, vom Außerirdischen unterscheidet.

Gegen die Macht der Liebe sind die Gravitationskräfte eines Schwarzen Lochs Kinkerlitzchen. So sucht – und findet – der Mensch im Weltraum auch bei Nolan letztlich wieder nur sich selbst. Da war Stanley Kubrick mit 2001 (zweifellos ein Referenzfilm für Nolan) schon weiter. Man muss sich von Interstellar nicht verschaukelt fühlen, dafür hängt er, ähnlich wie Ridley Scotts Prometheus, zu stark einem atheistischen Weltbild an. Aber diese umständliche Diagnose der Conditio humana, als aufwändige physikalische Herleitung nach den Prinzipien der Gravitationstheorie und der Raumzeit-Krümmung, ist am Ende vielleicht doch etwas übertrieben.