Carrie Mathison macht weiter. Doch wird auch ihr Charakter überleben? Gerade ist in den USA die vierte Staffel von Homeland zu Ende gegangen. Noch nie ist die außergewöhnlich intelligente, an einer bipolaren Störung leidende CIA-Agentin so heftig attackiert worden wie im Verlauf der letzten Episoden. Man muss tatsächlich fürchten, die Macher könnten die Figur verändern, um die Gemüter zu beruhigen.

Carrie ist nicht die erste Antiheldin US-amerikanischer TV-Serien, die unter Anklage steht. Männliche Ermittler mit psychischem Defekt wie Dexter oder Daniel Pierce in Perception oder Unsympathen wie Francis Underwood in House of Cards gibt es zuhauf. Doch nicht Francis, sondern seine Ehefrau Claire wurde wegen ihrer kühlen, machtgierigen Strenge zum nationalen Hassobjekt. 

Carries cry-face (Heulgesicht) ist schon längst ein eigenes Satiregenre. Das Claire Danes Cry Face Project oder die legendäre Parodie von Anne Hathaway in der Saturday Night Live-Show karikieren Carrie als pillenschluckendes, flennendes, neurotisches Wrack. Ihre manische Aggressivität ist aber nicht mehr bloß Spottobjekt. Man wirft der Rolle mittlerweile vor, antifeministische Klischees zu bedienen. Carrie sei eine hysterische, erbarmungslose Schreckschraube, die mehr von Emotionen als von Logik geleitet ist und ihre Stellung nicht durch Leistung, sondern Erpressung erobert hat.

Ihre psychische Krankheit macht sie zu einer emotionalen Gelehrten

Den größten Shitstorm erfuhr Carrie, als sie fast ihr Baby in der Badewanne ertränkte und mit dem 19-jährigen Neffen des Top-Terroristen Haqqani, Aayan Ibrahim, schlief, um ihn als Informanten zu gewinnen: Geschmacklos, infam, die Grenze sei erreicht, Amerika verdiene eine bessere Antiheldin. Carrie sei nicht nur eine schlechte Verbindungsbeamtin der CIA, sondern habe auch keine Seele.

Was die Geheimdienstserie 24 für die Ära von George W. Bush war, ist Homeland für die von Obama. Nicht Gewalt, sondern Psychologie ist die Technik, mit der Feinde zum Reden oder zur Vernunft gebracht werden sollen. Carrie wird in der CIA dafür geschätzt, dass sie Quellen beschafft, an die sonst keiner kommt. Durch ihre psychische Krankheit ist sie eine Art emotionale Gelehrte, die genau weiß, was dem Einzelnen weh oder guttut. Und dazu gehört es, Informationen logisch miteinander zu verknüpfen oder eben mit dem Feind ins Bett zu gehen, um an Informationen zu kommen. 

Während 24 vorgeworfen wurde, Folter zu legitimieren, hat Homeland nun mit dem Vorwurf zu kämpfen, falsche feministische role models zu produzieren. Das Faszinierende an Carrie ist aber gerade ihr Extremismus. Ohne Rücksicht auf Verluste und Autoriäten folgt sie unbeirrbar ihren eigenen Wegen durch Basare, Betten und an den Behörden vorbei, wenn sie der Meinung, ist, dass es der Sache dient. Auch wenn sie damit falsch liegt.

Die Kampagne gegen Carrie erinnert an den Hass, den Betty Draper aus Mad Men auf sich zog. Auch sie, alles andere als eine emanzipierte Karrierefrau, kann die Rolle der liebenden, aufopfernden und fürsorglichen Mutter nicht spielen. Wie Carrie repräsentierte sie keine Frau, die ihr Kind zugunsten ihrer Karriere opferte, sondern eine, die sich mit ihrem Kind einfach nicht anfreunden kann. Ein Thema, das längst reif für die Enttabuisierung ist.