"Das Leben ist ein Gemetzel", behauptete Markus Lanz kürzlich in seiner Talkshow. Oder soll man sagen: es entfuhr ihm? Und so fragte sein Gast Gero von Boehm auch gleich ungläubig nach: "Glauben Sie das wirklich?" Lanz, ob seiner tollkühnen Äußerung noch ganz von sich selbst überrascht, rutschte auf den vordersten Rand seines Stuhles. "Ja, das glaube ich", antwortete er.

Er hätte auch sagen können: "Ja, das gelobe ich." Es war, als hätte ein sonst zur Unauffälligkeit verdammter Schüler endlich zugeben dürfen, die Scheibe des Kaufhauses eingeschlagen zu haben.

Warum nur hatte man bei jeder Talkshow, die Lanz in den letzten Tagen und Wochen moderierte, das Gefühl, er nähme nur eine weitere Stufe zum Schafott? Weil man wusste, dass dort die letzte große Instanz der Samstagabendshow wie eine hochbetagte Greisin, der längst alle Freunde und Verwandte weggestorben sind, röchelnd, aber gelassen auf dem Intendantenrichtblock ihrem Ende entgegensah.

Nun hat Lanz die letzte Stufe genommen. Wetten, dass..? gibt es nicht mehr. Im gleißenden Scheinwerferlicht durfte die Sendung am Samstag ihr Leben aushauchen. Selten bekommt der Tod eine so große Bühne. Nie waren im Vorfeld so viele Techniker, Schlosser, Schweißer und Statiker mit dem Aufbau der Kulissen beschäftigt. Dreihundert Arbeiter sollen an der Ausrichtung des Begräbnisses in der Nürnberger Messehalle beteiligt gewesen sein.

Die letzte Sendung hat noch einmal die Fernsehnation vereint. Es wurde so mancher Leichenschmaus abgehalten; andere nannten es public viewing. Ein bisschen war es so wie in den Achtzigern, als sich die ganze Familie vor dem Fernseher einfand: Kartoffelsalat und Bockwurst waren verdaut, die Kinder im Bademantel, Mutti holte die Salzstangen, Vati wartete insgeheim aufs Aktuelle Sportstudio, Oma stopfte Socken und Opa gab sich seiner Landwirtschaftszeitung hin. Es war die Zeit, in der man sich noch wunderte über die Frisur von Gloria von Thurn und Taxis, die dem Rostrum eines Schwertfisches glich und mit Muttis Dauerwelle so unerhört wenig gemein hatte. Es war die Zeit, in der am Montag auf so gut wie allen Schulhöfen, in Kantinen und Büros über diese eine Frisur geredet wurde. Das Fernsehereignis von vorgestern strahlte zwei Tage später in den öffentlichen Raum und beglückte einen nachträglich, weil das individuelle Empfinden in der Gemeinschaft noch einmal potenziert wurde.

Kaum ein anderes Ereignis wie die große Samstagabendshow war dazu fähig. Public viewing hat den gegenteiligen Effekt: Das Ereignis zerfällt sofort in der Masse und hat gar nicht mehr die Kraft, osmotisch in einen einzudringen. Überdies nehmen Kommentare auf Twitter Sendungen und Filme schon während der Ausstrahlung derart in Beschuss, dass sie zum Schluss nur noch den Eindruck eines zerfetzten, in den Dreck getretenen Taschentuches machen. Die digitale Kommentarlüsternheit macht die Dinge beliebig; der Gedankenmüll versperrt die Verbindungstür zur eigenen Wahrnehmung. Das sogenannte soziale Netzwerk ist vieles, am wenigsten aber ist es sozial.