"Der größte Druck kommt von den Eltern" – Seite 1

ZEIT ONLINE: In Ihrer Komödie Frau Müller muss weg eskaliert ein Elternabend an einer Grundschule. Aus Angst, dass ihre Kinder den Sprung aufs Gymnasium nicht schaffen könnten, wollen die Eltern die Klassenlehrerin Frau Müller absetzen. Wodurch wird der Mikrokosmos Elternabend zu einem interessanten Filmsujet?

Sönke Wortmann: Diese Eltern hätten ja normalerweise nichts miteinander zu tun. Sie sind für ein paar Stunden eine Schicksalsgemeinschaft, weil ihre Kinder zufällig in dieselbe Klasse gehen. Da prallen Weltanschauungen und soziale Milieus aufeinander, die sich normalerweise aus dem Weg gehen. Das ist für eine Komödie eine sehr spannende Konstellation. Wenn ich in meinem Freundeskreis von dem Projekt erzählt habe, sind alle Eltern mit schulpflichtigen Kindern sofort eingestiegen. Der Leidensdruck scheint bei dem Thema recht groß zu sein. 

ZEIT ONLINE: Was kann man an einem Elternabend erfahren, was man sonst im Leben eher selten erlebt?

Wortmann: Auf Zusammenkünften dieser Art – ob das nun ein Elternabend, ein Parteitag oder die Mitgliederversammlung eines Fußballvereins ist – kann man immer interessante Studien machen, weil die Gruppendynamik in alle Richtungen offen ist. Elternabende haben eine besondere Qualität, weil es hier um die Zukunft der eigenen Kinder geht. Unter dem gesellschaftlichen Druck in unserem Land wird das für viele immer wichtiger. Das hat sich inzwischen soweit verfestigt, dass die meisten Eltern glauben, dass sich jetzt im Alter von zehn Jahren mit der Gymnasialempfehlung entscheidet, ob das Kind eine Zukunft hat oder nicht. Das ist natürlich Quatsch. 

ZEIT ONLINE: Woher kommt der steigende Leistungsdruck?

Wortmann: Es gibt sicherlich ein paar politische Veränderungen, die den Druck erhöht haben. Wenn die Kinder heute den Stoff von neun Jahren Gymnasium in acht Jahren machen müssen, bedeutet das natürlich mehr Stress für Schüler und Lehrer. Aber der größte Druck kommt von den Eltern, die Angst haben, dass die berufliche Zukunft und damit auch ein gewisses Lebensglück des Kindes infrage gestellt werden. 

ZEIT ONLINE: Der Film zeigt deutlich, dass sich in den überzogenen Forderungen der Eltern an die Schule auch eigene Versagensängste spiegeln.

Wortmann: Das geht oft Hand in Hand. Wenn die Eltern zugeben würden, dass sie auch nicht alles besser wissen, könnten sie auch wieder mehr Vertrauen in die Lehrer haben, was heute oft nicht mehr der Fall ist. Ich unterstelle vielen Eltern, dass sie sich gar nicht richtig auskennen, was Schule heute leistet. Kinder sind verschieden. Manche muss man machen lassen und auf andere muss man besser aufpassen. Das zu erkennen, ist nicht so einfach. Da sollte man ein bisschen mehr Vertrauen in die Schule und die Lehrer haben. Eltern müssen ihre Kinder auch mal loslassen, damit sie erwachsen werden können.

"Meine Eltern haben immer automatisch dem Lehrer Recht gegeben"

ZEIT ONLINE: Sie sind in den sechziger und siebziger Jahren zur Schule gegangen. Ist die Generation Ihrer Eltern entspannter an die schulische Entwicklung ihrer Kinder herangegangen?

Wortmann: Entspannter, aber vielleicht auch gleichgültiger. Es war jedoch auch eine andere Zeit, weil Lehrer damals noch echte Respektspersonen waren. Meine Eltern haben in strittigen Dingen immer automatisch dem Lehrer Recht gegeben. Das war damals der gesellschaftliche Standard. Erst später haben sich Eltern dann gewisse Rechte erkämpft. Die Lehrer können heute nicht alles machen, was sie wollen, und das ist auch richtig so. Aber nun gibt es eben Auswüchse in die andere Richtung. 

ZEIT ONLINE: Der Film ist in Dresden angesiedelt und auf dem Elternabend kochen auch die Ost-West-Konflikte hoch. Ist das 25 Jahre nach Mauerfall noch aktuell?

Wortmann: Da ich ja selbst in Nordrhein-Westfalen lebe, kann ich da nur aus zweiter Hand berichten. Aber Lutz Hübner, der das Theaterstück Frau Müller ist weg und das Drehbuch zum Film verfasst hat, sagt aus eigener Erfahrung, dass das nach wie vor ein wichtiges Thema ist. Und man hat das ja auch jetzt bei der Landtagswahl in Thüringen gemerkt, als mit Bodo Ramelow ein Ministerpräsident der Linken gewählt wurde, der ja interessanterweise auch noch aus dem Westen kommt. Was da wieder an Vorurteilen und Hass hoch kam – das war schon erstaunlich. 

ZEIT ONLINE: Sie haben das Theaterstück schon am Berliner Grips-Theater inszeniert. Wie haben Eltern, Lehrer und Schüler darauf reagiert?

Wortmann: Eltern und Lehrer haben oft gemeinsam die Aufführungen besucht, weil sie durch das Stück neu ins Gespräch kommen wollten. Da sind verhärtete Fronten aufgebrochen und man hat wieder mehr Verständnis füreinander entwickelt. Aber auch jugendliche Schüler sind neugierig geworden. Elternabenden haftet ja ein gewisser Mythos an. Die Schüler wissen nicht genau, was da verhandelt wird. Da hat das Stück den Jugendlichen eine Schlüssellochperspektive geboten und die fanden das natürlich ganz hinreißend, wie sich die Eltern zum Affen machen.