Graugrünbrauner Sumpf, Menschen in Wathosen fischen einen Kopf aus dem Wasser. Huch, zu spät eingeschaltet für den Tatort? Ist denn schon Wallander-Zeit?

An Tristesse, Abgründigkeit und Skurrilität nimmt es dieser Kieler Tatort mit seinen skandinavischen Nachbarn locker auf. Ein berauschter Bauer fällt vor den Kommissaren vom Fahrrad, ein anderer rast mit seinem Traktor irre im Kreis herum. Der Himmel über Kiel ist eher die Hölle von Schleswig-Holsteins Dörfern. Da graust es einem vor dem abgetrennten Kopf im Sumpf auch nicht mehr.

Es geht in diesem Fall um ein Crystal-Meth-Pärchen, Mike und Rita. Von Mike ist nur noch der Kopf vorhanden, und was von Rita übriggeblieben ist, ist auch nach ihrem Entzug noch unklar. Das Grandiose an diesem Tatort ist, dass er erstens gerade nicht Breaking Bad in Schleswig-Holstein nachspielt und zweitens auf den üblichen öffentlich-rechtlichen Belehrungskanon verzichtet.

Rolf Basedow, der das Buch für Dominik Grafs Mafia-Serie Im Angesicht des Verbrechens geschrieben hat, und der Regisseur Christian Schwochow (Der Turm, Bornholmer Straße) lassen kein Klischee zu und zeigen das junge, verliebte Paar im Drogen-, Sex- und Tanzrausch genauso realistisch wie das Junkie-Paar, das aus ihnen wird. Geschenkt wird dem Zuschauer nichts, und auch in der Timeline stockt es bisweilen ungewöhnlich lang. Dafür meldet sich das Team um Christiane F. – ja, die von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – zu Wort:

Während die Community noch darüber streitet, ob der Tatort nun drogenverherrlichend oder abschreckend wirkt, ist das Drehbuch schon ein paar Runden weiter. Immer mehr lebende Crystal-Meth-Tote bevölkern den Plot – dauerfeiernde Kids in Kiel und das gesamte Bauernkaff Mundsforde. "Die Bauern meinten, damit schaffen wir mehr", sagt der Dorfpolizist, der natürlich auch süchtig ist. "Und es stimmt: Damit klappt einfach alles."

Um die Nüchternen steht es nicht besser. "Nur Ackern und im Internet Porno." So sieht es aus auf dem platten Land. Wem will man es da verdenken, dass er sich den Kopf wegbläst.   

Es ist aber ein Basedow/Schwochow-Tatort und gar nichts wird gut. Noch ein totes Mädchen taucht auf und mit ihm noch mehr Abgründe. Rita wird von ihrem Dealer und seinem wolfsheulenden Junkie-Schläger vor Möwenkulisse am Strand vergewaltigt. Und tanzt sich wenige Stunden später nach der nächsten Spritze die Welt wieder schön.

Überhaupt: Rita. Wenn es einen Tatort-Oscar für die beste weibliche Hauptrolle gäbe, Elisa Schlott würde ihn verdienen. Sie wechselt während der 90 Minuten häufiger ihr Gesicht als manch eine TV-Kommissarin während ihrer ganzen Laufbahn. Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) kann da nur noch matt fragen:

Und Borowski, ach. Der große Schweiger aus dem Norden tut diesmal wieder nicht viel und hat doch eine der stärksten Szenen seit Langem. Nachdem er seine Kollegin angebrüllt hat, weil sie die Verhaftung der Dealer verbockt hat, presst er sich wie unter Schmerzen Worte der Entschuldigung heraus. "Meine Tochter ist im gleichen Alter wie Rita – aber das gehört gar nicht hierher; wir haben auch gar keinen Kontakt mehr."

Aber auch hier wird das Bild des Betroffenen gleich wieder gebrochen. Gedankenverloren lässt Borowski Rita vor der Tür ihres Stamm-Drogenclubs zurück. Da kann sie ihn noch so sehr an die eigene Tochter erinnern. Und der klassische Polizisten-Satz "Wir beschützen dich" wird hier recht schonungslos zurechtgerückt.

Die Zuschauer sind hin- und hergerissen, ob sie den Tatort für seinen Realismus nun feiern oder ihrem geruhsamen Sonntagabend-Einschlummern nachtrauern sollen. Kalt lässt der Fall nur wenige. 

Wem es zwischendurch zu drogenverherrlichend war, der bekommt am Schluss noch mal die volle Dröhnung samt Flashback zu einem Vergewaltigungsmord und einer Enthauptung.

Am Schluss schauen Borowski und Rita tatsächlich noch in den Himmel über Kiel. Eine Sternschnuppe fällt. Borowski: "Du kannst dir was wünschen." Über dieses Stadium ist Rita jedoch längst hinaus.