Es verhält sich seltsam mit dem neuen Clint Eastwood-Film American Sniper. Man ist sich nicht sicher, ob man gerade von einem Fahnenbeschwörer zutiefst manipuliert wurde oder der produktivste Scharfschütze in der US-Militärgeschichte tatsächlich eine Art perfider Held ist.

Im Zuge seiner sechs Oscar-Nominierungen wurden kritische Stimmen an dem Film laut – auch in den Hügeln von Hollywood, auch in der Academy selbst. Im Januar hat er aber alle Rekorde an den US-Kinokassen gebrochen. Er sei ein "Plattformfilm für Republikaner" sagt das New York Magazine. Er sei ein authentischer "kultureller Moment" sagt der National Review. Er ist, was er ist, sagt Roger Eberts Website. American Snipers Reputation als konservativer Gassenhauer könnte die Chancen auf eine goldene Statuette jedenfalls stark mindern. Zumal der Film in Konkurrenz steht zu den Biopics über Alan Turing und Stephen Hawking, über Männer also, die keine Zweifel an ihrer Heldenhaftigkeit zulassen.


Wir begegnen dem Scharfschützen Chris Kyle, bestechend gespielt von Bradley Cooper, zum ersten Mal bei der Verrichtung seiner Dienstleistung. Sein schwerer Körper liegt mit dem Bauch auf dem Boden einer Dachterrasse in Falludscha, eine Stadt im Irak. Der Schirm seiner Baseballkappe zeigt nach hinten. Er hat den Stiernacken gegen die Schultern und die bärtige Wange ans Gewehr gepresst, als er eine Frau und einen Jungen ins Visier nimmt, die etwas bei sich tragen, das genauso aussieht wie eine Granate. Die Entscheidung, den Abzug zu drücken, lastet ganz auf ihm. Ob er abdrücken wird, erfahren wir erst später, denn wir kehren zunächst zurück in Kyles Kindheit, auf eine Jagd mit seinem Vater. So früh schon erhält der kleine Chris eine Lektion: Es gäbe drei Arten von Menschen in dieser Welt. Jene, die sich nicht zu helfen wissen (Schafe). Jene, die Gewalt an Schwächeren verüben (Wölfe). Und jene, die "gesegnet sind mit dem überwältigenden Bedürfnis, die Herde zu beschützen" (Schäferhunde). Er, der Vater, dulde weder Schafe noch Wölfe.

In dieser grob vereinfachenden Sonntagsschulweltanschauung bleibt also nur eine Rolle für Chris, die ihn zu den Navy SEALS und zwischen 2003 und 2009 auf vier Einsätze im Irak führen wird. Der Schäferhund will seine Schäfchen beschützen. Aber der Krieg, wenn Kyle aus der unmittelbaren Dringlichkeit des Kampfes geschieden ist, verfolgt ihn bis nach Hause zu Frau (Sienna Miller) und Kindern. An dieser Heimatfront entfaltet American Sniper denn auch seine reizvollste Wirkung, etwa wenn jeder Rasenmäher zur potentiellen Bedrohung wird oder Chris apathisch in den Fernseher starrt. Sienna Miller wird zur eindringlichen Stimme der Räson, will dass ihr Mann wieder Mensch wird.

Die dem Film zugrundeliegende Biografie vom Jungen aus Texas, der eine Karriere als hochfunktionaler Killer anstrebt – der guten Sache wegen, versteht sich – liest sich wie ein faszinierender Entwicklungsroman. Eastwoods Stil und Tom Sterns Bilder sind im Film erbarmungslos, wenn die Situation danach ruft, und zärtlich, wenn es der Moment erfordert. Die Machart von American Sniper, darin sind sich alle einig, ist einwandfrei.

Der Liebe zum Krieg oder Amerika wegen?

Kyle ist ein guter Amerikaner, Kyle ist ein Patriot, der Amerika liebt. Er ist einer jener Soldaten, die Amerikaner mit Kriegen assoziierten, als die Idee von Gut und Böse noch tröstlich simpel war: Amerikaner sind gut, Nazis sind böse. American Sniper rüttelt niemals an der Aufrichtigkeit von Kyles Gesinnung. Sicher, viele der unausgesprochenen Implikationen sind deutlich im Gesicht des Schauspielers zu lesen, aber Zweifel hat er keine. Er bedauert lediglich, nicht mehr "Wilde" getötet zu haben. Eastwood und sein Drehbuchautor Jason Hall bewahren diesen Charakterzug von Kyle. Der Film ist keine revisionistische Übung wie es Unforgiven oder Flags of our Fathers und Letters from Iwo Jima waren. Linksliberale sehen deshalb in American Sniper eine romantisierende Charakterstudie eines schießwütigen Rassisten, dessen Leben weitaus unaufgeräumter war, als es uns Hollywood jetzt glauben macht.