ZEIT ONLINE: Martin Luther King wird von sehr vielen Menschen verehrt. Dennoch veranstalten Sie mit ihm in Selma keine One-Hero-Show. Warum vermeiden sie das?

Ava DuVernay: Zur Heiligendarstellung von King gehört, dass er ein einzelner Kämpfer war. Er hätte diesen Mythos gehasst. In allem, was er gesagt oder geschrieben hat, in jeder Rede, in seinen Tagebüchern, hat er die Aufmerksamkeit von sich abgelenkt und auf seine Weggefährten, auf Diane Nash oder Ralph Abernathy, verwiesen. Also war es unser Ziel, alle Stimmen zu Gehör zu bringen, auch die seiner Kameraden.

ZEIT ONLINE: Der Film spielt in einer entscheidenden Zwischenzeit: Im Sommer 1964 war der Civil Rights Act unterzeichnet worden, ein Jahr später würde der Voting Rights Act folgen. Sie zeigen King in jenem März 1965 als einen starken, aber zögernden Mann. Seine Zweifel kulminieren in der Szene, als er sich entschließt, den zweiten Marsch von Selma nach Montgomery abzubrechen, obwohl es so aussieht, als ob die Polizei diesmal den Weg freimachen würde. Sind Ihnen solche Fragen wie "Welchen Weg sollen wir nehmen?", "Wie erreichen wir unser Ziel?" besonders wichtig?

DuVernay: Sie sind so menschlich. Keiner tritt mit einem festen Kurs aus der Tür und ändert dann niemals mehr etwas an der eingeschlagenen Richtung. King war ja nicht wie ein Roboter auf Gerechtigkeit programmiert. Er hatte Gefühle, ein Ego, Selbstzweifel. Er litt unter dem Druck, unter dem Gewicht der Verantwortung für so viele Menschen und unter der Schuld, dass Menschen auf dem von ihm vorgegebenen Weg verletzt oder sogar getötet wurden. Wenn wir "Gewaltlosigkeit" hören, klingt das so passiv, doch sie bedeutet: Stell deinen Körper in die Kampflinie, schlag nicht zurück, wehr dich nicht, obwohl du sterben könntest. Das ist radikal! Die Szene, auf die Sie anspielen, dreht sich genau um diesen Druck der Verantwortung und die Angst, Menschen dort hineinzuschicken. Ich wollte zeigen, wie es sich für King anfühlte, diese Entscheidungen zu treffen.

ZEIT ONLINE: King wollte nicht nur das Selbstbewusstsein der Afroamerikaner stärken, sondern auch das Bewusstsein der Weißen verändern.

Ava DuVernay im Januar 2015 © Getty Images

DuVernay: Die Vorstellung, dass sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Klassen für die Probleme der schwarzen Bevölkerung einsetzen, erscheint uns heute ganz selbstverständlich. Aber damals, mitten im tiefsten Süden, mitten in der schärfsten Rassentrennung war sie revolutionär! Obwohl sich eine ganze Gesellschaft darauf aufbaute, dass der Wert, die Identität, die Zukunft eines Menschen von dessen Hautfarbe abhing, verband King uns auf einer übergeordneten Ebene – als Menschen.

Selbst während der amerikanischen Sezession um 1860 bedeutete die Abschaffung der Sklaverei politischen und finanziellen Nutzen für diejenigen, die sich dafür einsetzten. In der Bürgerrechtsbewegung war das hundert Jahre später anders: Welchen Vorteil hätte es gehabt, einem Schwarzen zu erlauben, am gleichen Hydranten Wasser zu holen wie ein Weißer, oder in derselben Straße zu leben? Hier ging es um viel Persönlicheres. Solche Veränderungen griffen in den eigenen Lebensraum und die eigene Komfortzone ein.