Politik muss Mehrheiten organisieren. Frauen sind die größte einzelne Mehrheit. Die Politik nimmt also die Frau mitsamt ihren Anliegen ernst. Unter drei Bedingungen: Die Frauen müssen geschlossen auftreten. Sie müssen lautstark, vulgo PR-wirksam, Forderungen stellen. Diese Forderungen müssen unzweideutig sein.

Gemäß dieser ercoachten Logik haben die Frauen der bisher noch unabhängigen Initiative Pro Quote Regie auf der Berlinale alles richtig gemacht. Sie fordern 50 Prozent Regieaufträge für Frauen, 50 Prozent der öffentlichen Gelder und 100 Prozent Unterstützung für ebendiese Forderung. Sie verteilen rot-weiße Aufkleber, filmen in einem vor dem Ritz Carlton platzierten Frischhalte-Iglu prominente Unterstützer, die den Satzbeginn "Ich bin für Pro Quote Regie weil…" irgendwie zu Ende bringen müssen. Sie veranstalten und bestücken Podiumsdiskussionen. Sie erfreuen sich aneinander – "well done, girls" – und an der Welle der nahezu uneingeschränkten Unterstützung: "Monika Grütters will Pro Quote Regie unterstützen. Juhuu!"

Das hat die Staatsministerin auch sogleich in ihrer Rede auf der Eröffnungsgala getan und unter anderem lobend darauf hingewiesen, dass der Eröffnungsfilm – erst zum zweiten Mal in der 65-jährigen Geschichte der Berlinale, aber immerhin eben doch – von einer Frau inszeniert sei. Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller freute das anschließend auch und weil kein wählender Mensch etwas dagegen haben kann, forderte er neben mehr Filmen von auch mehr Preise für Frauen. Eat this, jury!

Den Film selbst, Isabel Coixets opulentes Starke-Frauen-Nordpoldrama Keiner will die Nacht, mochte dann niemand so recht, aber das ging am folgenden Tag Werner Herzog mit seinem Starke-Frauen-Wüstendrama Queen of the Desert genauso. Womit sich das Scheitern großer Autorenfilmer auch in jene verquere 50/50-Quotenlogik überführen ließ, nach der Frauen genauso gut so schlechte Filme machen dürfen, können, müssen wie die Jungs.

Den ersten Ton zu dieser Melodie des Missverständnisses setzte bereits Berlinale-Chef Dieter Kosslick mit seinem vorab verkündeten launigen Festival-Motto Starke Frauen in extremen Situationen. Derart gepimpt stampft eine jederzeit wild entschlossene Nicole Kidman bei Herzog mit frischer Streifschusswunde durch Feindessand, um mit niemand Geringerem als dem Stammeschef meuchelnder Nomaden über Lyrik zu diskutieren.

Erst im Unterlaufen von derlei Quoten- und Mottologik fanden andernorts die Frauenfiguren dieser Berlinale zu sich und einer Wahrheit, der sie sich tastend statt posaunend näherten: Charlotte Ramplings Kate erfuhr in Andrew Haighs 45 Years eine alles erschütternde Umdeutung ihrer lebenslangen Gewissheiten. Sebastian Schippers Titelheldin Victoria (Laia Costa) verfolgte das Aufbrechen ihrer Tatkraft und Entschlossenheit mit dem gleichen Staunen wie ihre Zuschauer. Oder die traurigen Heldinnen in Małgorzata Szumowskas Body: Magersüchtig die eine, ihrer großen Dogge etwas zu verbunden die andere, verlaufen sie sich in spiritistischen Auswegen. Geheilt ist am Ende niemand, aber sie finden ein gemeinsames Lachen, in das sie ihr Publikum einbeziehen. Sie alle scheinen der stillen Gewissheit Jane Campions verpflichtet. Die bislang einzige Cannes-Gewinnerin hatte die Frage nach ihren ausschließlich weiblichen Protagonistinnen mit der Antwort pariert, es interessiere sie einfach "…wie Frauen ihr Leben leben".