Wer einmal am Strand von Los Angeles zugesehen hat, wie die Sonne in den Pazifik sinkt, bekommt eine Ahnung davon, was die Anziehungskraft dieser Stadt ausmacht. Das Licht reguliert ihren Puls. Selbst nach einem ganz miesen Tag kann jeder am nächsten Morgen von neuem versuchen, den längsten Schatten zu werfen.

So wie Heidi. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Los Angeles, Ortsteil Hollywood. Mitte der 1980er hatte ihr Schauspiellehrer während eines Praktikums an einem Theater in der Nähe von Boston ihr ein Vorsprechen in New York vermittelt: an der renommierten Juilliard School, zu deren Alumni Kevin Spacey, William Hurt und Jessica Chastain gehören. Es hätte Heidis Fuß in der Tür sein können, nachdem sie ihren eigentlichen Traum, als Kunstturnerin zu den Olympischen Spielen zu fahren, wegen einer Verletzung hatte aufgeben müssen.

Aber New York überforderte die damals 20-Jährige. "Ich war das erste Mal in dieser riesigen Stadt, die gefährlich war, die nach Urin stank. Niemand hat mich an die Hand genommen, ich war ahnungslos, komplett verängstigt. Deshalb bin ich nicht zu dem Vorsprechen gegangen. Es ging nicht." Heute, fast 30 Jahre später, liegt eine Spur Scham in Heidis Stimme.

Dabei wollte sie unbedingt Schauspielerin werden. An der Highschool spielte sie Theater, nahm am College Schauspielunterricht. Bis ihre Lehrerin sie eines Tages abpasste: "Sie sagte, Heidi, du bist ein reizendes Mädchen, du wirkst sehr clever auf mich. Willst du nicht lieber einen Abschluss in Englisch machen? Das sollte heißen: Du bist keine Schauspielerin, du hast es nicht drauf. Ich wollte es ihr beweisen, schmiss das College und ging nach Boston für das Praktikum."

Schätzungen zufolge arbeiten in Hollywood rund 100.000 Menschen regelmäßig als Schauspieler. Dazu kommen noch unzählige Kellner mit Ambitionen, aber ohne Plan. Die Gruppe der A-List-Stars ist dabei überschaubar. Es gibt genau einen George Clooney, genau eine Meryl Streep. Eine exakte Zahl existiert nicht, hört man sich ein wenig um, kursiert für Schauspieler ein durchschnittliches Monatsgehalt im unteren vierstelligen Bereich. Ein Jahreseinkommen in der Größenordnung von Spitzenverdiener Robert Downey Jr. (2014 rund  75 Millionen Dollar) ist nur einer Handvoll vorbehalten.

Die exaltierte Variante unser aller Streben nach Anerkennung

Wie man in diesen Kreis aufsteigt? Wenn man das wüsste. Es gibt Kinderstars, die es nicht gepackt haben (Macaulay Culkin), andere wiederum schon (Jodie Foster). Viele spielen sich über Jahre die Seele aus dem Leib und werden dann vermeintlich über Nacht entdeckt (Christoph Waltz). Dabei ist Hollywood ja nur die exaltierte Variante unser aller Streben nach ein bisschen Anerkennung.

Für Heidi war nach den ersten Versuchen erst einmal lange Schluss. Sie kehrte zurück in ihre Heimat Arizona, heiratete und bekam zwei Kinder. Ihre Hauptrolle fortan: Hausfrau und Mutter. Ihr Mann, der nichts von den Schauspielträumen hielt, verdiente 20 Jahre klassisch das Geld für die Familie – bis Heidi vor vier Jahren aus dieser Rolle ausbrach. "Als die Kinder alt genug waren, bin ich zu meinem Mann und habe gesagt: Ich packe jetzt meine Sache und gehe nach Hollywood."

Man kann Heidis Naivität belächeln. Immerhin ist es ein ungewöhnlicher Schritt, wenn man mit 20 seine Chance derart vertan hat und jetzt nicht nur Quer-, sondern auch Späteinsteigerin ist. Aber Heidi will sich die unerwartete Wendung selbst ins Drehbuch ihres Lebens schreiben. Sie beginnt zu erzählen, was sie an der Schauspielerei fasziniert: Es sie dieser Moment, wenn man sich in eine Rolle hineinversetze, dass man alles Drumherum vergessen würde, die Crew, die Kameras. Das sei wie high zu sein. "Wenn alle den Atem anhalten, der Regisseur nur noch ‚Cut!’ ruft und plötzlich alle nach Luft schnappen, dann weiß ich, dass ich einen guten Job gemacht habe."

Sehr viele Crews können, mit Verlaub, noch nicht blau angelaufen sein vor Atemnot. Heidi hat Werbespots und ein paar Episoden für eine unbekannte Krimiserie gedreht und in Filmen mitgespielt, die direkt auf DVD landeten oder im Kabelfernsehen versendet wurden. Gedanken, ihren Traum von einer Hollywood-Karriere aufzugeben, hat sie dennoch nicht.

Gleich nach ihrer Ankunft in L.A. suchte Heidi sich einen Manager und Agenten. Letzterer vermittelt ihr Castings, empfiehlt sie weiter. Momentan ist Pilot Season in Hollywood: die Industrie probiert neue Serien-Ideen aus. Für Heidi heißt das, zwei bis drei Vorsprechen in der Woche. Ansonsten nimmt sie weiterhin Schauspielunterricht, lernt Texte und sieht am Computer geeignete Castings durch. Der Alltag ist oft mühsam, hört man heraus.