Das Moskauer Filmmuseum war ein Ort des Austauschs, der Debatte, der Kunst. Seit 1988 hatte Naum Klejman die Institution geleitet, Ende vergangenen Jahres wurde er vom russischen Kulturminister entlassen. Ein Skandal. Die Mitarbeiter befanden, die neue Leitung wolle das Museum kaputt machen und kündigten kollektiv.

ZEIT ONLINE: Herr Klejman, warum sind Sie hinausgeworfen worden? Was soll mit dem Filmmuseum geschehen?

Naum Klejman: Sie waren einfach unzufrieden mit uns, weil wir Kinder der Perestroika sind. Wir waren ihnen zu unabhängig, nicht nur zu westlich, sondern auch zu östlich orientiert. Für uns war Aufklärung das Wichtigste. Das verstehen sie nicht. Aber was jetzt geschehen soll, dafür haben sie kein Konzept. Sie sehen das Filmmuseum vermutlich als Teil der neuen, sogenannten patriotischen Kulturpropaganda.

ZEIT ONLINE: Wie sieht diese Kulturpropaganda aus?

Klejman: Jetzt, zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, muss man natürlich alle Filme über den Krieg beziehungsweise über den Sieg zeigen. Und dann haben wir das Jahr der Literatur, also muss man lauter Literaturverfilmungen zeigen. So verstehen sie Aktualität: Daten, Jubiläen und so weiter. Ich finde das oberflächlich.

Und sie wollten offenbar ein Museum nur für Russland machen. Natürlich war unsere Arbeit auch für Russland gedacht, aber in meinen Augen ist Russland ein Teil der ganzen Welt. Wir gehören doch zu Europa, wir gehören zur Welt. Sie denken, Russland sei eine Insel.

Wir, die ehemaligen Angestellten, haben das scharf kritisiert. Und komischerweise sagen sie das jetzt nicht mehr. Vielleicht haben sie verstanden: Man kann Russland nicht vom Rest der Welt trennen.

ZEIT ONLINE: Ihr Anliegen war immer die Offenheit gegenüber der Welt. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass die neue Museumschefin Larissa Solonizina das plötzlich verstanden hat?

Klejman: Das Wort Optimismus ist mir fremd. Ich habe Hoffnung. Das ist etwas anderes. Hoffnungslos zu sein bedeutet immer, alles zu verlieren. Dann bist du schon besiegt. Aber wenn man Hoffnung hat, kann man weitermachen. Und wir haben schon einiges erreicht.

ZEIT ONLINE: Nach Ihrer Entlassung?

Klejman: Ja. Denn jetzt reden auf einmal alle über das Filmmuseum. Wir haben viele Jahre lang als eine Art Gespenst existiert. Wir hatten kein festes Gebäude, wir haben nur an verschiedenen Orten der Stadt Filme gezeigt. Wir wurden leiser und leiser. Es gab uns irgendwie, aber keiner wollte uns ein Gebäude geben. Jetzt wird auf einmal über ein neues Gebäude für das Filmmuseum debattiert.

Der ganze Skandal mit der Entlassung hat das Thema wieder auf die Bühne gebracht – in Russland und in der Welt. Es gab Protestbriefe gegen die Entlassungen mit Hunderten von Unterschriften der berühmtesten Menschen der Filmwelt. Das hat uns gezeigt: Wir gehören zu einer Filmwelt, die viel größer ist als das, was das Kulturministerium bestimmt. Das ist sehr wichtig.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich die patriotische Kulturpropaganda auf aktuelle russische Filme aus? Was wird staatlich gefördert?

Klejman: Das Kulturministerium finanziert über eine Stiftung theoretisch junge, neue Regisseure. Aber in Wirklichkeit bekommen nicht die Neuen Geld, sondern die Erfolgreichen. Was nicht besonders sinnvoll ist, schließlich brauchen sie kein Geld vom Staat. Der patriotische Regisseur Nikita Michalkow zum Beispiel bekommt immer staatliches Geld, obwohl er selbst Milliarden hat. 

Aber die Förderung ist auch wie ein Spiel. Denn auf der anderen Seite gibt es Produzenten wie Alexander Rodnjanski, der auch in den USA und Europa bekannt ist. Er ist sehr begabt und erfolgreich – und bekommt Geld vom Staat. So war es zum Beispiel beim Film Leviathan von Andrej Swjaginzew.

ZEIT ONLINE: Der Film lief erfolgreich in Cannes, hat bei den Golden Globes gewonnen und ist für den Oscar nominiert. Aber in Russland gab es einen Skandal: Kulturminister Wladimir Medinski findet, dem Film fehle der positive Held, die Kirche fühlt sich beschmutzt, überhaupt sei der Film so negativ. Seit ein paar Tagen ist der Film in Russland in den Kinos

Klejman: … und der Minister hat seine Meinung geändert. Erst war er so unzufrieden, dass er forderte, die Filmförderung zurückzuzahlen. Jetzt, mit dem ganzen Erfolg, sagt er: 'Seht, wir haben diesem Film geholfen, der so viele Preise bekommen hat. Die russische Kunst siegt!'

Auf jeden Fall haben viele Menschen in ganz Russland den Film gesehen, bis nach Sibirien. Nicht allen ist klar, dass der keineswegs antirussisch ist. Der Film zeigt vielmehr, dass alle schuldig sind. Nicht nur die, die an der Macht sind, sondern auch die Kleinen tragen ihren Anteil Schuld. Dieser Film ist so wichtig, weil er nicht schmeichelt.

Wir haben viel zu viele Filme, die dem Volk schmeicheln. Das heilige Volk! Immer hat das Volk recht, immer ist jemand anderes schuldig. Manchmal ist es das Ausland, manchmal die Machthaber. Eine Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert. Wir armen Opfer! Nun zeigt Swjaginzew, wie es auch Gorki und Dostojewski getan haben, dass das Volk nicht heilig ist. Das ist so wichtig für uns!

ZEIT ONLINE: Und trotzdem bekam Leviathan staatliche Förderung?

Klejman: Das lag am Mut des Produzenten. Rodnjanski wusste genau, was er tat. Im Antrag sah es natürlich nicht so aus wie nachher im Film. Worte kann man ja so und anders verstehen. So war es damals auch mit Sergej Eisenstein, als er Iwan der Schreckliche drehte. Stalin selbst hat damals das Drehbuch gelesen. Das schien ihm alles sozusagen richtig. Stalin hätte nie gedacht, dass Eisenstein den Mut haben würde, die Wahrheit zu zeigen. Er hat sie aber gezeigt, nur eben in Bildern, in der Musik, mit dem Schnitt.

Leviathan ist visuell und auch schauspielerisch sehr gut. Er ist viel mehr, als im Drehbuch beschrieben war. Rodnjanski hat den Mut gehabt, das Geld zu nehmen und den Film so zu machen, wie er eigentlich gedacht war. Ein professioneller Produzent.

ZEIT ONLINE:  Das mit der Kulturpropaganda funktioniert also nicht so richtig?

Klejman: Den Wunsch gibt es schon, aber es klappt nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Kulturminister mit Nikita Michalkow gemeinsam beschlossen hat: Wir brauchen positive Filme über das Heilige Russland! Michalkow hat ja so einen Film gemacht. Schlecht ist der, dumm ist der. Es funktioniert eben nicht. Diese Filme haben keinen Einfluss auf die Gesellschaft. Allein schon die Filmkritiker begreifen nicht, was an Michalkow gut sein soll. Und die Zuschauer wollen solche Filme nicht sehen. Die Kulturpolitiker haben gedacht, sie werden Michalkow zu Füßen liegen. Aber es kommt keiner, die Kinos sind leer. 

"Die Propaganda belügt auch Putin selbst"

ZEIT ONLINE: Aber Leviathan wird in Russland zensiert in den Kinos gezeigt und an den Stellen mit Flüchen wird der Ton runtergedreht? Es gibt ja ein Gesetz, das Flüche in Film und Theater verbietet.

Klejman: Putin hat die sogenannte nichtnormative Lexis ja schon wieder erlaubt. Michalkow hat gesagt: Das gibt es doch im normalen Leben auch. Jetzt ist es also wieder erlaubt.

ZEIT ONLINE: Das Gesetz ist abgeschafft?

Klajman: Nein, das Gesetz gibt es, aber wenn es für künstlerisch nötig gehalten wird, dann ist es erlaubt. 'Die Strenge der russischen Gesetze wird ausgeglichen durch die Unverbindlichkeit ihrer Anwendung', besagt ein russisches Sprichwort aus dem 19. Jahrhundert. Jeder findet einen Umweg. Gekürzt wurde in Leviathan nichts, über einige Worte wurde ein Piepton gelegt. Aber alle lachen, denn alle wissen, was dahintersteht. Der Effekt ist dadurch nur noch stärker geworden.

Dieser Film ist sehr konkret an Ort und Zeit gebunden, er ist genau und direkt. Damit hat er beim jungen Publikum sehr großen Erfolg. Früher waren Swjaginzews Filme dem Volk zu abstrakt. Dieser ist anders.

ZEIT ONLINE: Korruption und Unglück sind Themen des Films. Können die Leute ihn mit ihrem Alltag verbinden?

Klejman: Es gibt da diese merkwürdige Geschichte aus der kleinen Stadt, in der der Film gedreht wurde. Die dortige Bürgermeisterin hat gesagt, der Film sei eine Lüge. 'Bei uns ist alles gar nicht so schlimm, bei uns ist alles prima, wir protestieren gegen den Film!' Doch dann hat Swjaginzew vorgeschlagen, die Uraufführung des Films in dieser Stadt stattfinden zu lassen. Er wurde dort gezeigt und die Bewohner haben applaudiert. Endlich die Wahrheit! Das zeigt, dass die Regierenden nur formal Macht haben. Die Menschen verstehen viel mehr, als die Mächtigen glauben.

ZEIT ONLINE: Die Menschen durchschauen die Propaganda?

Klejman: Wir haben das ja schon mehrmals erlebt. Erst haben alle geglaubt, die Leute in der Sowjetunion hielten Stalin für den größten Führer aller Zeiten, aller Völker und so weiter. Zwei Jahre nach Stalins Tod war sein Mythos zerstört. Keiner glaubte mehr an ihn. Oder Breschnew. Offiziell hieß es: Gott sei Dank, endlich Stabilität und Frieden. Aber alle haben über den alten Genossen gelacht.

Ich bin mir sicher, dass Russland sehr vielschichtig ist. Nicht alle sind Dummköpfe. Die Propaganda belügt ja auch nicht nur den Westen und das eigene Volk, sondern sie belügt auch Putin. Sie sagt ihm, alle verehren ihn, 82 Prozent sind für ihn. Aber ob diese Statistiken richtig sind? Putin ist vielleicht auch ein Opfer der Propaganda. Die Macht als Opfer ihrer eigenen Propaganda. Wir haben schon oft erlebt, dass alle dachten, es dauere noch ewig. Aber man kann es verändern!

ZEIT ONLINE: Hindert nicht auch Angst die Menschen daran, etwas zu verändern? Angst vor Repressionen?

Klejman: Mit den Ereignissen auf der Krim und im Osten der Ukraine kann man schon Angst bekommen, dass es Kräfte gibt, die möglicherweise bis zum bitteren Ende gehen wollen und auch in unserem eigenen Land repressiv werden. Aber kaum einer glaubt, dass das auf längere Zeit so sein wird. Der Kommunismus hat Repressionen genutzt, um den Leuten eine Ideologie aufzuzwingen. Heute gibt es keine Ideologie. Man kann das Vorgehen in der Ukraine nicht ideologisch begründen.

ZEIT ONLINE: Aber Putin versucht doch gerade, aus der angeblich glorreichen Vergangenheit eine neue Ideologie zu schaffen.

Klejman: Das ist keine Ideologie, das sind nur Worte. Was heute überall auf der Welt fehlt, ist eine Utopie. Man müsste eine Idee entwickeln, wie die ganze Menschheit zusammenleben kann. Das ist nicht die Aufgabe der Mächtigen, sondern der Philosophen, der Künstler. Das ist eine der Aufgaben der Kunst: eine neue Basis für die Zukunft zu finden. Leider steht die Kunst allerdings heute unter dem Druck des Entertainments.

Aber auch in unserem Land gibt es eine neue Generation, die nach der Zukunft sucht, nach der Wahrheit. Es gibt sehr begabte und sehr ehrliche junge Leute. 

ZEIT ONLINE: Russland hindert sie nicht an dieser Suche?

Klejman: Diese Suche kann man überall betreiben. Sogar im Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Sie sollen versucht haben, ihre ehemaligen Mitarbeiter im Museum davon zu überzeugen, dass sie dort weiterarbeiten müssen, um größeren Schaden zu verhindern. Ist Ihnen das gelungen?

Klejman: Ja, die neun wichtigen Kuratoren arbeiten dort weiter. Sie betreuen die Sammlungen. Denn die sind ja das Wichtigste im Filmmuseum: die Sammlungen, auf denen alle Blumen wachsen.