Die Oscar-Nacht ist ein irres goldenes Rauschen. Die Kosten für eine halbe Werbeminute während der Verleihung schraubten sich in diesem Jahr auf 1,9 Millionen Dollar hoch. Die Geschenktüten mit Luxusreise und Schönheits-OP-Gutschein, die alle leerausgegangenen Nominierten jetzt nach Hause tragen, sollen einen Wert von 125.000 Dollar haben. Es stimmt schon: money rules that world. Doch die Filme, die dieses Jahr ausgezeichnet wurden, haben ihren Erfolg nicht einem irren Budget zu verdanken. Und das ist am Ende die wirklich gute Nachricht: Preiswürdige Filme kann man heute offensichtlich auch ohne viel Geld drehen. 

Birdman, Sieger in den wichtigsten Kategorien Bester Film und Beste Regie, ist mit 18 Millionen Dollar für Oscar-Verhältnisse eine eher kleine schwarze Komödie um den großen Schauspielzirkus. Die Dialoge sind tatsächlich herrlich böse: "Beliebtheit ist die kleine nuttige Cousine von Ansehen", sagt da ein überambitionierter Darsteller. Der Film wurde zu Recht auch für seine kunstvolle Umsetzung ausgezeichnet, denn dank raffinierter Digitaltechnik folgen wir dem alternden Schauspieler Riggan (als bester Hauptdarsteller nominiert: Michael Keaton) und seinen Leidensgenossen (als beste Nebendarsteller nominiert: Emma Stone und Edward Norton) durch die engen Gänge und Treppen des New Yorker St. James Theatres atemlos und scheinbar ohne Schnitte.

Letztlich ist Birdman aber vor allem eine Feier unserer Mühen, mit Schwächen umzugehen und leeren Versuchungen zu widerstehen. Die haben im Falle von Riggan die Gestalt des titelgebenden Vogelmanns, einer Superhelden-Figur, die er vor Jahren erfolgreich verkörpert hatte. Jetzt ist sie zu seinem Alter Ego geworden, das ihm immer wieder zuraunt, seine Theaterambitionen fahren zu lassen und verdammt noch mal wieder etwas zu tun, was wirklich Geld und Ruhm verspricht: "Die Leute lieben Blut. Sie lieben Action", geifert er, "nicht diesen geschwätzigen, deprimierenden, philosophischen Bullshit!". Riggan geht es da beinahe wie dem echten Keaton, der vor langer Zeit, 1989, Batman war, drei Jahre später noch einmal dessen Comeback spielte, nun aber seit Jahren keine Hauptrolle mehr übernommen hatte. Jetzt hat er seinen ersten Oscar bekommen. Hollywood liebt diese Art der Selbstbespiegelung. Ach ja, und seine Produktionskosten hat Birdman längst wieder eingespielt.

Die Leiden der Schauspieler

Neben den Widrigkeiten der Erfolglosigkeit (und ihrer Überwindung) wurde dieses Jahr auch die Darstellung von Krankheiten geehrt. Es gehört eigentlich zu den dankbaren Aufgaben eines Schauspielers, jemanden zu verkörpern, dessen Leiden augenfällig ist – da kann er wirklich zeigen, was er gelernt hat. Es ist viel schwieriger, den Zuschauer in Person eines Normalos zu begeistern. Die beiden Oscars für die Besten Hauptdarsteller an Julianne Moore und Eddie Redmayne sind dennoch hoch verdient. Redmayne spielt den Astrophysiker Stephen Hawking im britischen Drama Die Entdeckung der Unendlichkeit. Der leidet nicht nur seit mehr als fünfzig Jahren unter der unheilbaren Nervenkrankheit ALS, sondern hat auch die durchaus abgefahrene Theorie der Schwarzen Löcher so breitenwirksam aufbereitet, dass er zu einem Popstar der theoretischen Physik geworden ist. Die Herausforderung für Redmayne bestand darin, jemanden zu spielen, den jeder ganz genau zu kennen meint. Natürlich haben seine Produzenten stets betont, wie gewissenhaft ("alle Bücher von Hawking gelesen"), intensiv ("monatelang") und aufrichtig ("viele ALS-Erkrankte getroffen") Redmayne sich auf diese Rolle vorbereitet habe. Aber das machen Produzenten aus naheliegenden Gründen immer. Redmaynes Verdienst ist es, dass er es schafft, nicht nur sehr "realistisch" zu wirken, sondern auch eine beinahe schon astronomische Menge spitzbübigen Charmes auszustrahlen, den man dem echten Hawking gern unterstellen möchte. Dass das Drama eigentlich bloß eine überhöht erzählte Lovestory ist, in der die Unendlichkeit mehr Liebesmetapher denn physikalisches Problem darstellt – geschenkt wie ein Goody Bag

Die zweite großartig Leidende dieser Nacht war Julianne Moore als an Alzheimer erkrankte Literaturprofessorin. Die Schwierigkeit dieser Rolle bestand darin, glaubwürdig darzustellen, wie sich der langsame Verlust von Orientierung und Selbstwahrnehmung wohl anfühlen mögen. Es ist Moore gelungen. Selbst wenn der Film Still Alice nicht wirklich zeigt, was das Leben mit einem Alzheimer-Patienten für dessen Umfeld bedeutet. Wir sehen nicht das Tyrannische, das Aggressive, in das viele Kranke abgleiten, und das ihre tägliche Pflege unfassbar anstrengend und belastend machen kann. Moores Gesicht zeigt tatsächlich zunächst das Ungläubige, wenn sie sich das erste Mal auf ihrem eigenen Uni-Campus verläuft. Dann den beklemmenden Verdacht, ernsthaft krank zu sein, die Scham, sich eingenässt zu haben, und schließlich die Auflösung ihres Ichs als brillante Linguistin und eloquente Partnerin. Eines Morgens schaut sie in den Spiegel, und um dem leeren Blick jener, die ihr da entgegenschaut, zu entgehen, verschmiert sie Zahnpasta auf dem Glas. Eine ebenso stille wie schmerzvolle Geste.