Milch und Schnaps sind zwei ungleiche Säfte. Der eine unschuldig sanft, der andere scharf wie die Sünde, finden sie nach der Billsteder Milch nun auch in Hessen zueinander. White Russian genannt, den Kommissar Falkes ausgepumpte Frankfurter Kollegen verkosten.

Außerhalb des Cocktailglases bleiben beide Bestandteile jedoch ziemlich bipolar: Milch für die Guten, Schnaps für die Bösen, das Weiße für kleine Kinder, der Klare für fiese Kerle. Es folgt daher fraglos einem tieferen Sinn, wenn der Frankfurter Tatort den Abgesang auf den vorerst letzten der vielen fabelhaften Ermittler dieser Stadt in diesem Spannungsfeld anstimmt.


Eben dieses Mischungsverhältnis passt ja bestens zu Frankfurt. Ein finsteres Pflaster, seit dessen Bahnhofsviertel für Rotlicht und Blaulicht steht wie Bayerns Bierzelte für Konservative im Koma.

Frankfurt, das gilt eben auch (oder gerade?) im scheiternden Shareholder-Kapitalismus als Sodom und Gomorrha Deutschlands, vor dem das gentrifizierte St. Pauli vor Neid blassrosa wird. Ein Sündenpfuhl, in dem wirklich alle am Scheideweg zum Niedergang stehen.

Selbst die Polizei spielt hier Bad Lieutenant wie zu Taxi Drivers Zeiten. Sie säuft öffentlich, prollt dazu rum, schnauzt Putzpersonal an und verhält sich auch sonst ziemlich robust.

Womit wir wieder bei Milch wären: Da lehnt Kommissar Seidel, teilzeitverlotterter Kollege des vollzeitverlotterten Antihelden Steier nach dessen Dienstquittierung hackedicht unter einem Plakat mit bedeutungsschwerem Titel "Sei dein eigener Held – trink Milch" und uriniert.

Das deutet bereits auf ein weiteres zentrales Motiv in diesem Tatort hin – Selbstjustiz.

Denn darum geht es in Steiers letztem Fall noch viel mehr als um das Mischungsverhältnis von Hart-Alk und Softdrink: den ausgebrannten Bruch mit dem Rechtsstaat. Der scheidende Ermittler erwägt nämlich, einen brutalen Gewohnheitsverbrecher eigenhändig hinzurichten, den das Gericht laufen ließ, weil es Steiers Augenzeugenbericht wegen etwas Restalkohol vom Vorabend nicht glaubte.

Aber es ist ja nicht der Alkohol allein, der den einsamsten Wolf des stetig wachsenden Tatort-Rudels so zeichnet. Das Leben, der Alltag, die Ungerechtigkeiten und dann noch der Ausfall seiner Kollegin Conny – all dies qualifiziert Steier psychisch und physisch für ganz andere Fernsehreihen.

In seinem letzten Fall gibt ihm ein zerbrochener Vater fast den zombietypischen Kopfschuss. Der meint in einem dreier Einbrecher seinen verstorbenen Sohn zu erkennen, dem er an dessen Stelle erlösen will vom Kreislauf aus Drogen und Kriminalität. Das Haus am Ende der Straße ist brillant geschrieben, spannend inszeniert und die Rolle des einsamen Rächers famos verkörpert von Armin Rohde.

Endlich darf er mal wieder an Króls Seite spielen.

Rohdes Desperado Rolf Poller gerät auch ohne Milch zum Helden & Antihelden, Regisseur & Kameramann, Richter & Henker seines eigenen Bibelfilms über Rache, Wahrheit und Erlösung. 

Ein fantastischer Tatort, ein würdiger Abgang, eine hohe Hürde für die Nachfolger.

Darauf einen Kurzen, mit oder ohne Milch.