Eines kann man Serienschreibern dieser Tage wirklich nicht vorwerfen: Politikverdrossenheit. Die Verstrickung zwischen Regierungen, Wirtschaft und Kriminalität sind das große Thema der seriellen Narration. House of Cards exerziert das gerade in der dritten Staffel durch, Borgen – Gefährliche Seilschaften und die Nachfolgeserie Follow the Money tun es auf europäischer Ebene. Nun aber kommt eine Serie auf den Markt, neben der die Ränkespiele in Washington und Kopenhagen wie harmlose Kartentricks wirken. Denn sie erzählt von der Wahrheit.

1992, produziert von Sky Italia (Gomorrha), seziert in dicht erzählten und grandios besetzten zehn Folgen die Bestechungsskandale im Italien der neunziger Jahre. 1992 ist ein Jahr der Zeitenwende. Das Antikorruptionsprogramm Mani pulite ("Saubere Hände") fängt an, das Gespinst aus Bestechung, Günstlingswirtschaft und politischer Einflussnahme aufzudecken. Das Team um den Ermittler Antonio Di Pietro überführt zahlreiche Politiker der damals regierenden Sozialisten um Bettino Craxi wie auch der konservativen Democrazia Cristiana. Tangentopoli nannte man in Italien diese Zeit – die Herrschaft des Schmiergelds. Als Symbolbild für die Serie dienen Geldscheine, die aus einer Toilette hervorquellen.

1992 erzählt aber weit mehr als die Good-cop-bad-politician-Geschichte. Vielmehr zeigt sie, wie die Zerschlagung von Filz und Korruption in Italien eben nicht zu einer transparenteren, gerechteren Gesellschaft führte, sondern den Weg zum System Berlusconi ebnete.

Es ist überraschend, wie kritisch sich hier ein Land den Spiegel vorhält. Kein Bereich der Gesellschaft bleibt verschont: Politik, Presse, Verlagshäuser, Werbung, Polizeiapparat, Schulen.

Die Idee zu 1992 stammt von Stefano Accorsi, in Italien ein beliebter Kinostar, allerdings eher aus dem Bereich der leichten Unterhaltung (Ein letzter Kuss, Casanova). Er spielt den Werbeprofi Leonardo Notte, der einen Großkonzern aus der Wirtschaftskrise führen soll. Notte ist ein glatter Geschäftsmann und brillanter Denker. Und orientiert sich, losgelöst von politischen Sympathien, knallhart am Prinzip des Stärksten.

Die Lega Nord und Verdis Gefangenenchor

Weitere Protagonisten sind der HIV-positive Polizist Luca Pastore, der seinen privaten Rachefeldzug gegen den Großindustriellen Michele Mainaghi führt, den er für die Verbreitung verseuchter Blutkonserven verantwortlich macht. Mainaghis Geliebte, das TV-Starlet Veronica Castello (Miriam Leone), versucht den Einfluss ihres Sugardaddys noch auszunutzen, solange dieser an der Macht ist. Das proletarische Italien vertritt der Golfkriegsveteran Pietro Bosco (Guido Caprino), der durch Zufall zum Kandidaten der gerade erstarkenden rechtspopulistischen Lega Nord wird.

Boscos erster Wahlkampfauftritt gehört zu den stärksten Szenen der ersten beiden Folgen, die bisher vorab zu sehen waren. Der bullige, kahl geschorene Mann hält sich am Rednerpult fest, die Menge tobt, doch ihm fehlen die Worte. Das Mikrofon pfeift, der Wahlkampfmanager verdreht die Augen. Dann bricht es doch aus Bosco heraus: "Mein ganzes Leben lang hat man mir gesagt, dass es einen Scheiß interessiert, was ich sage: Dann findet man heraus, dass genau die, die das immer gesagt haben, dieses Land vor die Hunde gehen lassen." "Cazzo", "Scheiße", schreit Bosco. "Schicken wir sie alle nach Hause!" Die Menge jubelt, Umberto Bossi umarmt seinen Kandidaten. Und dann hebt Verdis Gefangenenchor aus Nabucco an, die emotional besetzte und universell einsetzbare Hymne des italienischen Widerstands.

In diesem Moment zeigt sich, was 1992 auf kunstvolle Weise miteinander verspinnt. Das Einzelschicksal eines Ausgestoßenen und die fundamentale Enttäuschung eines ganzen Landes, das an seiner politischen Kaste verzweifelt. Gepaart wird das Ganze mit dem unheilvollen Wunsch nach dem starken Mann, der mit dem ganzen Filz aufräumen wird.