Das Schicksal ist für Filmemacher ein verführerisches Werkzeug. Es gibt ihnen die Möglichkeit, die profanen Zufälle des Lebens mit Bedeutung aufzuladen, und die Macht, in ihrem selbst geschaffenen Universum ein wenig Gott zu spielen. Große Melodramen wie Vom Winde verweht oder Wong Kar Wais In the Mood for Love sind aus diesem vermessenen, kreativen Verlangen entstanden.

Aber die Gefahr der Bruchlandung ist groß, wenn der Film keine mitreißende, emotionale Tonlage findet und die manipulativen Strategien des Schöpfers zu durchsichtig geraten sind. Der französische Regisseur Benoît Jacquot bringt sein Liebesdrama 3 Herzen mit dem klassischen Moment einer verpassten Chance in Gang und baut diese zu einer fatalen Ménage-à-trois aus.

Als der Finanzbeamte Marc (Benoît Poelvoorde) den Zug nach Paris verpasst und in einer Kleinstadtbar Sylvie (Charlotte Gainsbourg) trifft, ist das der Beginn einer magisch-zweisamen Nacht. Nach deren Verlauf ist beiden Beteiligten klar, dass hier etwas Großes seinen Anfang genommen hat. Aber anstatt Visitenkarten und Telefonnummern auszutauschen, verabreden sich die beiden ganz romantisch und unmodern auf einer Parkbank in den Pariser Tuilerien. Das kann und muss schief gehen, schließlich ist romantischen Helden nur selten ein Happy End innerhalb der ersten zwanzig Filmminuten vergönnt. Marc erleidet auf dem Weg zum Date einen Herzinfarkt. Sylvie fährt zurück in die Provinz und von dort aus weiter in die USA, wo ihr eher langweiliger Ehemann einen lukrativen Job ergattert hat.

Im zweiten Teil der an Kapiteln reichen Erzählung trifft Marc auf den Fluren des Finanzamtes eine sichtlich aufgelöste Dame, von der wir schon, aber Marc noch längst nicht wissen, dass es sich um Sylvies geliebte Schwester Sophie (Chiara Mastroianni) handelt. Der nette Beamte hilft ihr ritterlich mit der Steuererklärung und bald schon werden Hochzeitspläne geschmiedet. Ungewöhnlich lange dauert es hingegen, bis Marc sich im Hause der Schwiegermutter (Catherine Deneuve) die Treppe hoch traut, wo die Familienfotos an der Wand die qualverwandtschaftlichen Verhältnisse offenlegen. Marc schweigt sich aus und heiratet, und auch Sylvie sagt nichts, als sie erkennt, wer der zukünftige Bräutigam der Schwester ist.

Das Verhängnis kann seinen Lauf nehmen – und tut es in aller Ausführlichkeit: Hochzeitversprechen werden geleistet, Kinder geboren, Ehebrüche hinter beschlagenen Autofensterscheiben vollzogen und das reinigende Gewitter kunstvoll bis zum Finale hinausgezögert. Sicherlich schaut man dieser hervorragend besetzten Schauspielerriege gerne bei der Arbeit zu: Die allgegenwärtige Charlotte Gainsbourg, die zurzeit auch mit Heute bin ich Samba und Jackie im Königreich der Frauen in den deutschen Kinos zu sehen ist, kann auch hier die Anziehungskräfte ihrer spröden Aura gut entfalten, und Chiara Mastroianni lässt sich voll und ganz auf die Fragilität und schleichende Verunsicherung ihrer Figur ein. Einzig Benoît Poelvoorde wirkt vom emotionalen Auf und Ab dieses gebeutelten Mannsbildes ein wenig überfordert.

Dennoch verfolgt man die Geschichte mit langsam anschwellender Ungeduld, weil der Film immer wieder die Frustrationstoleranz seines Publikums austestet, indem er in den spannendsten Momenten kecke Zeitsprünge vollzieht. Was in anderen Werken als elliptische Erzählweise durchgeht, ist hier nur eitle, dramaturgische Attitüde. Dahinter steht wohl der Versuch, die Regeln des Melodrams ein wenig zu verfremden. Aber dieses Genre lässt sich nicht reformieren, sondern führt nur mit Hingabe zum Erfolg. 3 Herzen  spielt mit den Gefühlen seiner Figuren wie eine Katze mit einer halbtoten Maus – dabei schaut man einfach nicht gerne zu.