Ein ganzes Leben zieht zu Beginn von François Ozons Eine neue Freundin innerhalb von kaum zehn Minuten auf der Leinwand vorbei. Eine Montage ohne Worte unterlegt mit Klaviermusik. Das Miniaturmelodram erzählt von Claire (Anaïs Demoustier) und Laura (Isild Le Besco), die von klein auf allerbeste Freundinnen sind, als Kinder gemeinsam durch die Wälder und später durch das Teenagerdasein streifen, sich verlieben und heiraten. Aber schon bald nach der Geburt ihres Kindes stirbt Laura an einer schweren Krankheit. In poetischer Verdichtung liegen in diesen ersten atemberaubenden Kinominuten Leben, Liebe, Freundschaft, Geburt und Tod nebeneinander – und danach fängt der Film erst richtig an.

Als Claire zum ersten Mal nach der Beerdigung in Lauras Haus kommt, sieht sie eine weibliche Gestalt mit dem Baby im Arm auf dem Sofa sitzen. Es ist ein echter Hitchcock-Moment, wenn sich der Kopf wendet und wir unter der blonden Perücke und in Lauras Kleidern David (Romain Duris) entdecken. Der verwitwete Vater zieht sich um und versucht zu erklären. Die Verkleidung beruhige das Kind. Aber eigentlich stecke das Verlangen, als Frau durchs Leben zu gehen, schon lange in ihm. Claire geht zunächst auf Distanz, entwickelt jedoch eine zunehmende Faszination für den Freund, der so leidenschaftlich ins andere Geschlecht wechselt. Mit David, den sie schon bald Virginia nennt, entdeckt sie bei gemeinsamen Schminksessions und Shopping-Touren die Freuden des eigenen Frauseins neu. Sie verliebt sich in Virginia, aber nicht in David, womit die emotionalen Verwicklungen ihren wendungsreichen Verlauf nehmen.

Von 8 Frauen bis hin zu Jung & Schön hat François Ozon in zahlreichen Filmen verschiedenste Facetten der Weiblichkeit erkundet. Da ist die Verwischung der Grenze zwischen den sexuellen Definitionen, die er in Eine neue Freundin vornimmt, nur eine konsequente Fortsetzung dieser cineastischen Reise. Ozon tut dies mit einem gezielt unideologischen Blick fernab aller akademischen Genderdebatten. Im Zentrum steht die Lust an der Verkleidung. Das Begehren, eine Andere zu sein, bedarf keiner psychologischen Erklärungen, sondern wird als unverrückbarer Fakt dargestellt, aus dem heraus sich ein vergnügliches und sinnliches Spiel mit Geschlechterrollen entwickelt. 

Der Hauptdarsteller Romain Duris ist hervorragend in diesem Transgender-Part, den er fernab aller Tuntenklischees spielt. Erlesene Ausstattung und geschmeidige Kameraarbeit verstärken die visuelle Verführungskraft dieses Films, der mit Lust und Leichtigkeit die Kategorien sexueller Identitäten unterminiert. Waren es in den siebziger Jahren noch Komödien wie Ein Käfig voller Narren oder Tootsie, in denen Transvestiten als schrille Vögel in das Mainstreamkino Einzug hielten, bedient sich Eine neue Freundin der Genremittel des Melodrams und des Märchens – einschließlich eines wohlverdienten Happy Ends für die unorthodoxe Patchworkfamilie.