Ungeheuer Russland

Die Männer sind schon am frühen Nachmittag sturzbetrunken. Eine Wodkaflasche kreist. Alle haben Gewehre dabei, sie wollen um die Wette schießen. Mit verschwörerischer Miene holt einer einen Karton aus dem Auto. Er zieht gerahmte Fotos heraus: Breschnew, Gorbatschow, Jelzin. Die perfekten Ziele! "Und was ist mit den aktuellen Politikern?", fragt einer. "Für die ist es noch zu früh", lallt der Mann mit großem Ernst. "Zu wenig historische Distanz."

Der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev zielt mit seinem Film Leviathan direkt auf das System Putin. Korruption, Gier, Gewalt und Wodka sind allgegenwärtig. Der russische Staat kommt wie ein unabwendbares Schicksal über den Einzelnen und zermalmt ihn. Auch dem Automechaniker Kolia (Alexey Serebryakov) ist eigentlich klar, dass sein Kampf von vornherein zwecklos ist. Trotzdem gibt er nicht auf.

Aus Gründen, die er nicht kennt, soll Kolia enteignet und das Grundstück, das seine Familie seit Generationen bewohnt, an die Stadtverwaltung übergeben werden. Als Entschädigung spricht das Bezirksgericht ihm eine lächerlich geringe Summe zu. Kolias einzige Hoffnung ist der Moskauer Anwalt Dmitri (Vladimir Vdovitchenkov), ein Freund aus Armeezeiten. Weil auf dem Weg der Institutionen kein Erfolg zu erwarten ist, schlägt Dmitri einen anderen ein: Er erpresst Bürgermeister Shelevyat (Roman Madyanov) mit dessen Vorleben als Gangsterboss.

Der Film spielt ganz offensichtlich auf die vielen Enteignungen an, die die Bürger von Sotschi vor den Olympischen Spielen trafen. Auch auf die Prozesse gegen Pussy Riot geht Zvyagintsev kurz an. Und die russisch-orthodoxe Kirche macht in seiner Geschichte mit den Mächtigen gemeinsame Sache, ja, sie treibt deren illegale Machenschaften gar an. Am Ende des Films hält ein Bischof eine weihrauchgeschwängerte Predigt über die Liebe zur Wahrheit, die im neoliberalen Russland längst auf der Strecke geblieben ist.

Der Staat wird auf ganzer Linie gegen Kolia siegen, und nein, das ist kein Spoiler. Der Untergang seines Protagonisten steht von Anfang an fest wie in einem antiken griechischen Drama. Die Spannung und die schwarze Magie von Leviathan gehen vielmehr von der urtümlichen Gewalt aus, mit der die Geschichte den armen Kolia in einen immer tiefer gähnenden Abgrund reißt.   

Parabel, die Zeit und Landesgrenzen überschreitet

Es ist nicht nur die Gewalt im Gewand der gegenwärtigen Verhältnisse in Russland, die hier am Werk ist. Die Wucht, die Leviathan für den Zuschauer fast zu einem körperlichen Erlebnis macht, holt der Film aus der russischen Geschichte, aus der Unterdrückung des Einzelnen, die schon immer da war, ob in der Zarenzeit oder der Sowjetunion. Von Ewigkeit zu Ewigkeit, so legt Leviathan nahe, herrscht das russische Reich über seine Bürger. Vor Betrunkenheit schielend brüllt der Bürgermeister Kolia an: "Du Ratte hattest nie Rechte, du hast jetzt keine und wirst auch nie welche haben!"

Natürlich spielt der Titel auf Thomas Hobbes’ gleichnamige Schrift von 1651 an, in der der Philosoph den Staat mit dem mythischen Ungeheuer Leviathan vergleicht, gegen das jeder Widerstand zwecklos ist. Zvyagintsev macht aus seinem Film eine Parabel, die Zeit und Landesgrenzen überschreitet. Dass er gleichzeitig ganz offen die konkreten Verhältnisse kritisiert, macht Leviathan so überaus kraftvoll.

In der russischen Version wurden die Dialoge "entschärft"

Und zu einer Zumutung für die Mächtigen. Eigentlich böte Zvyagintsevs Meisterwerk genügend Anlässe zu feiern. Schließlich gewann der Regisseur im Jahr 2014, das Putin zum "Jahr der Kultur" ausgerufen hatte, beim Filmfestival in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Aber der russische Kultusminister Vladimir Medinsky, dessen Ministerium den Film immerhin gefördert hatte, konnte sich nicht mit Leviathan anfreunden: "Sicher ist hier viel Talent zu sehen, aber ich mochte den Film nicht." Deutlicher wurde Medinsky im Januar diesen Jahres, nachdem Leviathan bei den Golden Globes als bester ausländischer Film ausgezeichnet worden war. Er sagte, er erkenne seine Landsleute in diesen ständig betrunkenen, mit Schimpfwörtern um sich werfenden Figuren nicht wieder. "Zvyagintsev scheint die Russen nicht zu mögen, dafür aber Ruhm, rote Teppiche und Filmpreise."

Auch Kirchenoffizielle verwahrten sich gegen die Kritik in Leviathan, einige Politiker riefen dazu auf, den Film verbieten zu lassen. So weit ging die Duma nicht, aber sie verabschiedete kurz nach Cannes im Juli 2014 ein Gesetz, das "obszöne Lexik" in russischen Spielfilmen verbietet. Auch deshalb lief Leviathan mit großer Verspätung erst im Februar 2015 in Russland an. Bis dahin war der Film aber schon Zehntausende Mal online heruntergeladen worden. Viele Russen ersparten sich so die Pieps-Orgie, mit der die Dialoge "entschärft" worden waren.

Mehr noch als der Film selbst, so meinen Beobachter der Kulturszene in Russland, erzählten die Auseinandersetzungen um Leviathan über den Kampf der Herrschenden gegen die freie Kunst. Kritik an der Macht wird sofort als russlandfeindlich und unpatriotisch gebrandmarkt. Kürzlich erst musste der Leiter des Moskauer Filmmuseums gehen, weil er sich weigerte, sein Haus in den Dienst nationaler Propaganda zu stellen.

Die staatliche Filmförderung wird nach Leviathan sicher genauer hinsehen, welche Projekte sie mit Geldern unterstützt. Unabhängige Filmemacher wie Boris Chlebnikov (Ein langes und glückliches Leben, 2013) und Wasili Sigarew (Leben, 2011), deren Filme ähnlich düstere Gegenwartsbeschreibungen sind, werden es künftig noch schwerer haben. Patriotische Blockbuster wie das Kriegsepos Stalingrad oder der an nationalistischem Stumpfsinn schwer zu überbietende Legenda No. 17 über das sowjetische Eishockey-Team der Siebziger sind mehr nach dem Geschmack der offiziellen Politik.

Nach dem Mord an dem Regimekritiker Boris Nemzow ist die Verzweiflung in Russlands Opposition groß. Eine kleine Episode aus der Rezeptionsgeschichte von Leviathan macht aber Hoffnung, dass die Menschen in Russland sehr wohl zwischen staatlicher Propaganda und dem offenen Blick der Kunst unterscheiden.

Die Bürgermeisterin des kleinen Fleckens Teriberka an der Barentssee, wo der Film gedreht wurde, hatte ihn zunächst verurteilt, weil er die Dorfbevölkerung als Trunkenbolde zeige. Spontan entschieden die Macher des Films daraufhin, die Welturaufführung in Teriberka stattfinden zu lassen. Danach waren Bürgermeisterin und Dorfbewohnerin voll des Lobes. Sogar der Vorsteher der Diözese Murmansk-Montjegorsk, in der Teriberka liegt, nannte den Film "ehrlich". Selbsterkenntnis ist schmerzhaft, aber möglich.