Von Péter Esterházy, dem ungarischen Meister der Komik und Metakomik, stammt der schillernde Satz: "Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt."

Und selten in der vergangenen Zeit traf er herrlicher zu als auf die Posse um das Mittelfinger-Video des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis, die in der Talkshow von Günther Jauch begann und seit Sonntag die deutschen Medien und ihren Boulevard beschäftigt. Die unter dem Wichtigtuerwort Causa in Raketeneile zu einer kleinen Staatsaffäre aufgeschäumt wurde, in der sich Wolfgang Schäuble und mit ihm der deutsche Bürger von der vermeintlichen Respektlosigkeit seines griechischen Gegenübers beleidigt fühlten, der wiederum bestritt, seinen Mittelfinger jemals und überhaupt auf die Deutschen gerichtet zu haben.

Alles sei eine Montage und aus dem Zusammenhang gerissen, und zum Beweis veröffentlichte Varoufakis das inkriminierte Video von einer Konferenz in Zagreb 2013, in dem sein Mittelfinger trotzdem zu sehen ist. Klar soweit? Es begann eine Art eduardzimmermannhafte Schnitzeljagd nach Augenzeugen, anderen Indizien, die das eine oder das andere belegen sollten: Wer hat diesen Mittelfinger oder Teile dieses Mittelfingers schon einmal gesehen oder kennt jemanden, der diesen... und so weiter – und je länger man das nacherzählt, desto verwirrender war es schon bis gestern Abend.

Ein Missverständnis wird Kunst

Bis plötzlich der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann sagt: Ja, das Video aus der Jauch-Sendung ist gefälscht und zwar von ihm, alle reingefallen, besonders der Talkmaster und "Muddi und Vaddi", die sich noch mal "schön aufregen können". Ist das ein Fake, den Böhmermann erschaffen hat? Der Fake vom Fake? Oder der Fake vom Fake vom Fake? Oder so etwas wie der echte Fake?

Spätestens hier ist die vorige Diskussion, in der es mit einigem Zorn auch um die Glaubwürdigkeit der Griechen oder der Medien ging, ins Terrain der Kunst abgewandert. Und es ist womöglich auch der passende Ort, um die beiden Chöre, die jeweils das eine (Varoufakis lügt!) oder das andere (Jauch lügt!) behaupten, vollständig zu veralbern. Dabei ist es bei Böhmermanns Bekenntnis ganz gleich, ob er für eine von Jauch genutzte Fälschung verantwortlich ist und damit eine Mediensatire im eigenen, öffentlich-rechtlichen Haus inszeniert, was ein grandioser Akt der Subversion wäre. Oder ob er sich die herrschende Verwirrung zunutze macht, den gordischen Knoten in den Köpfen mit einem diabolischen Grinsen noch einmal besonders fest zuzuziehen.