So etwas kann natürlich nicht an jedem beliebigen Ort der Welt passieren. Es passiert in Berlin, mit seiner Dichte von Galerien und mehr oder weniger erfolgreichen Künstlerinnen und Künstlern, den Diskursen und Diskussionen, dem Glamour und dem Alltag, den Dramen und den Grotesken der ästhetischen Produktion. Ist Art Girls vielleicht auch ein Berlin-Film? Oder einer über den Kunst-Untergrund dieser Stadt? Auf jeden Fall kann man sehen, wie sich eine Stadt durch die Kunst verändert. Und umgekehrt die Drehorte: Bötzow Brauerei, unter Spreebrücken, leere Kühlschränke, Baustellen, Kellergalerien und Wohnungen in höheren Stockwerken. Was wäre die Kunst, wenn ihre Kehrseite nicht Berlins Schmutz wäre.

Wenn die Wirklichkeit zur Kunst geworden ist, ist das dann der Himmel oder die Hölle?

Falsche Frage! Denn vielleicht ist Art Girls ja auch das Märchen der Kunst im Zeitalter der Posthumanisierung. Und ein Märchen versteht man nun einmal anders als einen realistischen Roman. Kinder können sich über die neue Schöpferfreiheit freuen, aber die miteinander verschalteten "Biosyncs" stürzen ebenso ab wie vor ihnen die Frösche. Fiona verschwindet bei einem gewagten Happening, Una Queens tritt auf die andere Seite über und macht mit dem weniger wagemutigen und dafür geschäftstüchtigeren Maturana-Bruder gemeinsame Sache, der aus dem künstlerischen Sprung in eine neue Wirklichkeit und neue Kollektivität ein grandioses Geschäft aufziehen will. Am Ende bleibt es Nikitas Aufgabe, mit einem wirklichen Kunsttor die Welt zu retten. Ob das gelingen kann? Und ist Art Girls ein Film mit einem erlösenden Happy End?

Nackte Ausdruckstänze

Wo von oben die Biotech-Macht greift, greift von unten die Kraft der kollektiven Erzähler. Die treiben allerhand, von nackten Ausdruckstänzen bis Samurai-Jagden durch die Stadt. So könnte aus der Katastrophe ohne Weiteres die Revolution werden, denn wenn man etwas über die "Kunstwirkung" sagen kann, dann dies, dass sie nicht zu kontrollieren ist von Konzernherren. Früher oder später muss also eine Kunstpolizei her. Scheitern muss auch sie.

Wovon immer Art Girls handelt, er handelt nicht nur davon, sondern ist es auch selber. Der Film ist Teil dessen, worüber er nachdenkt, und das ist, wenn ich mich nicht irre, Wesensmerkmal dessen, was man "Bewusstsein" nennt. Es ist einer dieser Filme, die man nicht im herkömmlichen Sinne "versteht" (und dann ist gut), sondern einer von denen, die im Kopf weiterleben und sich verselbständigen. Er ist nicht "einfach" in der Art, dass er komplizierte Beziehungen auf irgendeinen Aspekt "herunterbricht", wie es so viele Kunst- und Künstlerfilme machen. Er ist aber auch nicht "schwierig" in der Art, dass er beim Zuschauen Barrieren aufbaut und sich wichtig macht. Man kann Art Girls einfach durch sich hindurchfließen lassen, satirische Szenen genießen, Kunst wirken lassen (es ist nichts Verwerfliches daran, in einen Film wie diesen zu gehen, nur um einmal die Schönheit fliegender Frösche zu bewundern), sich einem poetisch-diskursiven Flow überlassen. Genauso gut kann man ihn sich als Gedankenexperiment aneignen, als Film, der nichts "repräsentiert", sondern eine Forschungsreise wiedergibt, in die Biologie der Erkenntnis, meinethalben. Oder in die Seele der Kunst. Man kann den Film auf mindestens ein Dutzend Arten anschauen, und er hat immer etwas zu sagen. Man darf nur nicht erwarten, dass die eine Art ihn anzuschauen reibungs- und widerspruchslos in der anderen aufgeht.

Wirkliche Erkenntnis, das wissen die meisten Forscher, und die ehrlicheren von ihnen geben es auch zu, entsteht hauptsächlich aus der Fähigkeit, dem Zufall eine Chance zu geben. Man kann das auch Freiheit nennen. Art Girls gehört zu den Filmen, die Zuschauerinnen und Zuschauer schon deswegen glücklich machen können, weil sie ihnen Freiheit geben.

Am Ende liegt alles wieder bei allem. Nur anders.