Streng chronologisch nähert sich Brett Morgen seinem Berichtsobjekt. Angefangen mit körnigen Schmalfilmaufnahmen von Cobains spießbürgerlich behüteter Jugend im Nordwesteck Amerikas, arbeitet sich der Regisseur übers anschwellende Teenager-Desaster vor zu ersten musikalischen Unternehmungen, die scheinbar geradlinig auf den Rock-'n'-Roll-Olymp führen. Bis Cobain von ihm herunterstürzt, depressiv und drogensüchtig, Flinte im Mund. Exitus. 

Es ist ein großer Verdienst des Filmemachers, ja beinahe ein Geschenk an faszinierte Beobachter wie innige Fans, dass die Dokumentation nie formalistisch gerät. Ihr Gradmesser dieser totgeweihten Existenz ist weder Sieg noch Niederlage, sondern Schmerz: die Zerrissenheit des Scheidungskindes, Geborgenheit zu suchen und sie gleichsam zu verachten. Des Künstlers, Erfolg zu wollen und zu fürchten. Des Workaholics, faul zu sein und ehrgeizig. Des Familienvaters, Liebe zu geben und zu zerstören. Des Gottes, Hitze zu spenden, aber auszubrennen.

Grotesk intime Heimvideos

Schmerz, das lehrt uns die Popgeschichte, ist ein steter Begleiter des Ruhms. Besonders bei denen, die schnell genug leben, um jung zu sterben. Davon zeugt nicht nur der legendäre Klub 27, dem zuletzt die physisch wie psychisch zerschlissene Amy Winehouse beitrat. Das belegen mehr noch jene Zeitgenossen des Vereinsgründers Cobain, die Brett Morgen vor sein Objektiv bekommt. Der erstaunlich biedere Bassist Krist Novoselić, der mit ratloser Mine vom täglichen Kampf des Frontmanns mit sich und seinen Dämonen erzählt. Ein erstaunlich offener Vater, der den jungen Kurt als hyperaktives Ritalin-Depot schildert. Dazu, erstaunlich aufgeräumt, die Courtney Love, die den Traum ihres Mannes zitiert, drei Millionen verdienen zu wollen "und dann Junkie zu werden". Und nicht zuletzt der Träumer selbst, der auf dem Weg dorthin beteuert, alles dafür zu geben, seine chronischen Magenschmerzen loszuwerden, aber Angst habe, "ohne sie weniger kreativ zu sein". Cobain gewährt in grotesk intimen Heimvideos Einblicke ins Innere seines Daseins und steht doch oft direkt neben sich – mal angewidert, mal selbstverliebt, oft erstaunt vom aberwitzigen Kerl an seiner Seite.

Um beide zu illustrieren, Realität nebst Trugbild, verdichtet Brett Morgen das vielfältige Archivmaterial aus allen Phasen seiner 27 Jahre mit virtuosen Comic-Passagen, lebenden Skizzen und periodisch verblassendem Bildschirm über Nirvanas variiertem Soundtrack. All dies macht Montage of Heck zum gefilmten Zerfallsprozess, der niemanden schont und jeden bereichert – Cobain, sein Umfeld, die Zuschauer, sie vor allem. Anschnallen bitte!