Der Blick eines Fremden, selbst wenn man ihn aus der Ferne fast nur erahnt, kann etwas absolut Vereinnahmendes haben. Denn Augenkontakt eröffnet eine Palette von Gefühlen, kann Zuneigung signalisieren oder Konfrontation verheißen. Auch in Ex Machina setzt eine einzige Drehung eines – freilich sehr hübschen – Kopfs ein Experiment in Gang, dessen Ausgang auf ein verheerendes Ende deutet.

Der erste flüchtige Blick zwischen Ava und Caleb ist die Initialzündung, die Energie für den Funkenflug liegt aber woanders. Warum er dieser künstlichen Intelligenz Sexualität gegeben hätte, will Caleb nach dem Kurzflirt von Avas Schöpfer wissen. Nathan, CEO von Blue Book, der "größten Suchmaschine der Welt", wie es in dem Film heißt, hat eine zweiteilige Erklärung für seinen Angestellten Caleb: erstens, weil alles in der Natur ein Geschlecht habe und Attraktivität nach wie vor der Schlüsselreiz für Interaktion sei. Wenn eine Maschine den Punkt erreichen soll, wo sie nicht mehr unterscheidbar ist vom Menschen, braucht sie also unbedingt ein Geschlecht. Und zweitens mache Sexualität doch auch Spaß: "Wenn du sie flachlegen willst, würde sie es genießen."

Man hört heraus, Oscar Isaac (A Most Violent Year) spielt diesen Nathan als eine ordentlich aufgepumpte Colonel-Kurtz-Figur mit buschigem Kubrick-Bart und Alkoholproblem. In seinem abgeschiedenen Walddomizil schießt er Millionen des Unternehmens in die Forschung zu künstlicher Intelligenz. Seine jüngste Kreation: Ava (wie: Adam + Eva + Avatar). Wenn Nathan nicht gerade ihr Verhaltensmuster studiert, schwitzt er gern mal am Sandsack die acht Bier vom Vorabend aus, die er allein in seiner durchdesignten Bond-Bösewicht-Festung mit feuchten Augen herunterkippt.

Bis diesem totalen Bauch eines Tages der schüchterne Kopfmensch Caleb (Domhnall Gleeson) zur Seite gestellt wird. Der junge, talentierte Programmierer darf dank firmeninternen Losentscheids den öffentlichkeitsscheuen Chef sieben Tage lang in der Wildnis besuchen. Mehr noch, wie ihm gleich eröffnet wird, er selbst soll in einer Art Turing-Test herausfinden, ob die Maschine Ava ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hat.

Eigentlich funktioniert der Turing-Test nur, wenn der Proband nicht weiß, ob er es mit Mensch oder Maschine zu tun hat. Das, erklärt Nathan seinem Angestellten, sei aber hier die eigentliche Herausforderung: "Dir zu zeigen, dass Ava ein Roboter ist, um dann zu sehen, ob du trotzdem das Gefühl hast, sie hätte ein Bewusstsein."

Der Schriftsteller (Der Strand) und Drehbuchautor (28 Days Later) Alex Garland benutzt in seinem Regiedebüt einen gängigen, aber wirkungsmächtigen Kniff aus dem Science-Fiction-Genre, der die Geschichte sofort auffächern lässt: Das Unmögliche setzt er als gegeben voraus, künstliche Intelligenz existiert hier ohne großen Erklärungsbedarf. Diese Konstellation erlaubt ihm, den Fokus aufzuziehen und der ansonsten bekannten Unterteilung von Robotern in der Filmwelt in gut und böse neue Nuancen hinzuzufügen. Während Caleb in seinen Sitzungen mit Ava flirtet, lacht, lügt, rot wird, legt die Maschine im übertragenen Sinne die sonstige Funktion als Zerstörer (Terminator) oder Retter der Welt (Robocop) ab. Avas Roboterhaftigkeit sieht sich keiner Beweisschuld ausgeliefert, im Gegenteil, sie wird eher noch zum Vergegenwärtigungsmechanismus unserer Menschlichkeit: Im Umgang mit ihr stellt sich die Frage, wie human wir in vielen Dingen sind, die wir tun, und ob wir überhaupt noch moralisch handeln.