Morgens um vier ist die Welt noch in Ordnung. Es sei denn, es läuft "Game of Thrones". Der deutsche Bezahlsender Sky zeigt die fünfte Staffel der Erfolgsserie parallel zur US-Ausstrahlung auf HBO. Während der Primetime in Amerika ist in Deutschland allerdings noch nicht einmal die Sonne aufgegangen. Unser Autor muss nun also jeden Montag verdammt früh aufstehen – um zu verraten, was in der Fantasy-Serie passiert.

Folge 1 – The Wars To Come

Die Zukunft ist scheiße, sagt der Zwerg, und die Vergangenheit war es auch. Bevor er zu einer genaueren Analyse der Gegenwart kommt, muss Tyrion Lannister sich leider auf den Teppich übergeben. Nun, er ist betrunken und hat eine längere Schiffspassage hinter sich, das kann einem schon den Magen verderben. Tyrions aktuelle Situation ist zu Beginn der fünften Staffel von Game of Thrones auch wirklich beklagenswert, was mit dem Ende der vierten Staffel im vergangenen Jahr zusammenhängt: Da hat er erst die Frau ermordet, die er liebte, und gleich hinterher auch noch seinen Vater, der hatte ihn immerhin Zeit seines Lebens gehasst.

Jetzt ist Tyrion auf der Flucht und entdeckt dabei sein Gewissen. Zumindest im Rahmen der Möglichkeiten: Töten ist in der derzeit weltweit wohl meistgesehenen Fernsehserie eine der beiden Hauptaufgaben der Figuren, Überleben die andere.

Jeder gegen jeden

Es ist eine düstere Welt, die George R. R. Martin in den bislang fünf erschienenen Bänden seines Fantasy-Epos A Song of Ice and Fire beschreibt, auf dem Game of Thrones basiert und von denen die Serie bislang drei Bücher mehr oder weniger wortgetreu verfilmt hat. Jeder gegen jeden in wechselnden Allianzen, so lautet die sozialdarwinistische Regel im Spiel um den eisernen Thron. 

Ein kleiner Lichtschein in der Finsternis könnte da nicht schaden. Die erste Folge der neuen Staffel erhellt die Erzählung mit einer politischen Utopie und ein paar ethischen Prinzipien. Zwar trägt The Wars to Come eine Vorahnung der nächsten schlimmen Begebenheiten schon im Titel. Doch der permanente Zustand der Ankündigung ist ohnehin einer der dramaturgischen Kniffe der Serie. Von Anfang an raunen die Leute unablässig "Winter is coming", und was soll man sagen: Dafür ist das Wetter in weiten Teilen des Reiches immer noch ganz gut. Das Ende der Welt lässt auf sich warten, so ist das ja immer mit dem Ende der Welt. Verdammte Apokalypse.

Sozialreformen in freier Marktwirtschaft

Besagte politische Utopie wird nun ausgerechnet von einer ewigen Hofschranze formuliert, dem glatzköpfigen Intriganten Varys: Es gebe ein Land, in dem Frieden und Wohlstand herrschten und in dem die Mächtigen nicht auf Kosten der Machtlosen regierten, schwärmt er dem Zwerg Tyrion vor. Varys meint das Herrschaftsgebiet von Daenerys Targaryen, das die Drachenmutter auf dem Kontinent Essos erfolgreich erweitert mit dem Versprechen, die dort lebenden Sklaven zu befreien. Das läuft solange super, bis die ehemaligen Sklaven merken, dass das Leben in Freiheit sich nicht von selbst bezahlt. Die Sozialreformerin Daenerys, so zeigt es sich in dieser Folge, droht an den gesellschaftlichen Realitäten zu scheitern und an der freien Marktwirtschaft, bevor sie überhaupt zum Marsch auf Westeros, zur Eroberung des eisernen Throns aufbrechen kann.

Nun fordern ihre Untergebenen gar von ihr, die menschlichen Hahnenkämpfe wieder einzuführen, die sie doch gerade erst abgeschafft hat. Ihre einzige Waffe hat Daenerys selbst in einen dunklen Kerker gesperrt, um die Menschen und sich davor zu beschützen: zwei ihrer drei ziemlich unkontrollierbaren Drachen (wo der dritte gerade rumfliegt, weiß man nicht so genau), gleichsam ihr Atomraketenarsenal zur Abschreckung und notfalls für den Erst- und Zweitschlag nach außen wie innen. Die Drachenmutter schwankt zwischen gesinnungs- und verantwortungsethischem Handeln, doch ach, sie hat keinen Max Weber als Ratgeber an ihrer Seite, nur einen Hurensohn und Ex-Hahnenkämpfer als Liebhaber im Bett. In Game of Thrones kommt das Ficken halt immer vor der Moral.