Kit Harrington als Jon Snow (links) in "Game of Thrones" © HBO/Sky

Am anderen Ende des Reiches, wo über den Schutzwall von Westeros der Winter als Erstes hereinbräche, wenn er denn mal käme, sind drei Parteien auf der Mauer, auf der Lauer: Jon Snows Nachtwache, die Truppen des eingebildeten Thronfolgers Stannis Baratheon und die am Ende der vierten Staffel von beiden geschlagenen Wildling-Armeen. Stannis beauftragt Jon, den gefangen genommenen Wildling-König Mance Rayder zu überreden, seine Armeen Stannis zu überlassen für den Sturm auf Jon Snows alte Heimatburg Winterfell. Mance aber zeigt sich trotz Todesandrohung nicht bereit, das Knie zu beugen vor Stannis. Aus falsch verstandenem Stolz, mutmaßt Jon und argumentiert sowohl pflicht- wie erfolgsethisch, der Wildling-König möge sich bitte nicht so anstellen.

Tatsächlich aber verweigert sich Rayder aus purer Angst, den Respekt seiner Untertanen zu verlieren. Die würden ihn für einen solchen Kotau gleich meucheln. Zwischen Exekution (durch Stannis) und Ermordung (durch die eigenen Leute) wählt Mance Rayder die vorgezogene Hinrichtung. Dann erst erfährt er, dass Stannis für ihn die Verbrennung bei lebendigem Leib vorgesehen hat. Und die dauert.

Gewalt löst alle Probleme

So stellt sich Jon Snow die ewig gleiche Kantsche Ethikfrage: Was soll er tun? Dem quälend langsamen Todeskampf des Wildling-Königs auf dem Scheiterhaufen zusehen oder etwas dagegen unternehmen? Jon entscheidet sich für den finalen Rettungsschuss per Pfeil und Bogen, der das Leiden des Wildlings abkürzt, aber auch den Zuschauerspaß von Stannis.

Jon Snow handelt mitleidsethisch. Oder, so kann man es ebenfalls sehen: Er verschafft sich wie die ferne Daenerys Targaryen schon einmal die nötige Wettkampfhärte für den Job, den beide perspektivisch anstreben – die Herrschaft. Nach welchem Ethik-Konzept sie das letztlich zu tun gedenken, wird wie so vieles bei Game of Thrones vermutlich solange offen bleiben, bis es ums letzte Hemd geht. Und da blieb in der Serie bisher nur die Gewissheit, dass einzig Gewalt die Probleme endgültig löst. Fürs Neonlicht der Aufklärung ist Fantasy eben einfach zu mittelalterlich.