Morgens um vier ist die Welt noch in Ordnung. Es sei denn, es läuft Game of Thrones. Der deutsche Bezahlsender Sky zeigt die fünfte Staffel der Erfolgsserie parallel zur US-Ausstrahlung auf HBO. Während der Primetime in Amerika ist in Deutschland allerdings noch nicht einmal die Sonne aufgegangen. Unser Autor muss nun also jeden Montag verdammt früh aufstehen – um zu verraten, was in der Fantasy-Serie passiert.

Ich habe gehört, man solle seine Feinde stets nah bei sich halten, sagt Jon Snow, der frischgewählte Lord Commander der Nachtwache. Er bekommt vom majestätischen Haudegen Stannis Baratheon darauf die passende Antwort: Wer auch immer das gesagt habe, der habe keine Feinde besessen.

Und vor allem keinen DVD-Player, könnte man nun vom gemütlichen Fernsehsofa reinrufen. Jon Snow hat offenbar früher gern Der-Pate-Videoabende veranstaltet, denn das Originalzitat "Keep your friends close, but your enemies closer" stammt aus dem zweiten Teil der Mafia-Saga und dort aus dem Munde von Michael Corleone. Aber okay, Jon Snow kann ja im Gegensatz zu den Zuschauern von Game of Thrones auch nicht schnell nachgoogeln, ob den Spruch wirklich nicht die in Freund-Feind-Zusammenhängen überall stets gern zitierten Sun Tzu oder Niccolò Machiavelli gebracht haben. Nope, Al Pacino durfte ihn als Erster aufsagen. Game of Thrones ist eben eine Serie, die sich im Zweifel eher auf die Filmgeschichte als auf die Wirklichkeit bezieht.

Das Frühstück ist gegessen

Doch taugt dies als Entschuldigung für das, was dann folgt? Jon Snow nimmt es mit seinen zwei ärgsten Feinden unter den Männern der Nachtwache auf, Ser Alliser Thorne und Janos Slynt. Den ersten hält er im corleoneschen Sinne sehr nah bei sich, indem er ihn zum First Ranger der Truppe befördert; beim Zweiten folgt er dem Tipp von Stannis und schickt ihn weit weg, indem er ihm das Kommando über Greywater Watch überträgt, einer längst aufgegebenen Burgruine. Slynt indes weigert sich, diese Demütigung zu akzeptieren, und so kommt es zur ersten wirklich magenumwälzenden Szene der fünften Staffel von Game of Thrones. Jon Snow schlägt Janos Slynt mit dem Schwert den Kopf ab, und die Kamera hält schön lange drauf auf den blutspritzenden Halsstumpf. Vielen Dank auch, denkt man beim morgendlichen Zusehen, damit ist das Frühstück erst mal gegessen.

Kann Game of Thrones wirklich ignorieren, dass in der Wirklichkeit seit vergangenem Jahr Hinrichtungsvideos der Terrormiliz IS zirkulieren, die ziemlich genau das Gleiche zeigen, nur in echt und nicht in mittelalterlichen Kostümen? Bei den ersten beiden Folgen der aktuellen Staffel war man geneigt, zwei Szenen unter diesen Vorzeichen als eher harmlos zu betrachten. Als in der ersten Folge der Wildling-König auf dem Scheiterhaufen landete, konnte man noch sagen: Das unerträgliche IS-Video von der Verbrennung des jordanischen Piloten bei lebendigem Leibe ist erst Anfang Februar diesen Jahres aufgetaucht, da war die entfernt ähnliche Szene bei Game of Thrones mutmaßlich längst abgedreht. Und als in der zweiten Folge die Drachenmutter Daenerys einem Verräter den Kopf abschlagen ließ, da wandte sich der Kamerablick so auffällig ab, dass man annehmen konnte, die Macher von Game of Thrones taten es absichtlich, um Fiktion und aktuelle Wirklichkeit nicht zu vermischen. Diese Annahme ist mit der dritten Folge nun also buchstäblich mit einem Schlag erledigt.

Ohne Splatter ginge es doch auch

Man kann es relativ kurz machen: Diese neue Szene ist grauenhaft, und sie zu zeigen töricht. Zwar gab es in den ersten vier Staffeln von Game of Thrones bereits ähnliche, doch da existierten noch keine realen IS-Entsprechungen. Und auch wenn die ganze Dramaturgie der Fernsehserie wie ihrer literarischen Vorlage im Wesentlichen aus dem Abzählreim besteht, das riesige Reservoir an Figuren mit größtmöglicher Gewalt zu dezimieren – die Macher der Serie hätten sich spätestens jetzt besinnen sollen, wie man diese ja auch noch schrecklich redundante Gewalt darstellt. Die Szene hätte nämlich auch ohne Splatter erzählt werden können und hätte trotzdem denselben Sinn gehabt: Jon Snow zeigt in Wort und Tat seinen Willen zur Machtausübung und trägt die damit verbundenen Konsequenzen, er beweist in der atavistischen Logik der Welt von Game of Thrones seine Befähigung zu höheren Aufgaben. Stannis nickt ihm hernach anerkennend zu, Prüfung bestanden, Feind erledigt.

Nun besteht die Freiheit der Kunst ja aber mitunter darin, grauenhaft und töricht zu sein. Man kann diese Szene also auch so sehen, dass die Macher ihrem Material treu bleiben und der Ästhetik, in der sie es verfilmen. Sie gehen der Gewaltdiskussion nicht aus dem Weg. Die ist spätestens nach dieser Folge notwendig.