Manche Orte auf der Welt liegen in sengender Sonne und doch herrscht dort große Dunkelheit. Denn wo Menschen sind, da ist auch Schatten. Finsternis. Gewalt. Unrecht. Lichtgestalten gibt es nur im Märchen. Geschöpfe der Nacht gibt es überall.

Wie es zum Sündenfall von Bad City kam, weiß niemand. Drogen, Prostitution, Armut und Hoffnungslosigkeit prägen die Stadt. Pferdekopfpumpen saugen Öl aus dem verdörrten Boden, reich werden damit andere. An den Ausfallstraßen wirft man Leichen in tiefe Gruben. Es sind viele. Und sie sind frisch.

In diesem Pfuhl menschlicher Degeneration siedelt die junge Regisseurin Ana Lily Amirpour ihr Langfilmdebüt an. A Girl Walks Home Alone At Night erzählt von einer Vampirin, die sich in einen Sterblichen verguckt. Eine schwarz-weiße Romanze irgendwo im Iran. Gleichsam ist der Film ein Western auf Farsi. Doch er könnte auch als politisches Statement zur Lage der Frauen in muslimischen Ländern verstanden werden – und überhaupt: Ist er nicht ein feministisches Manifest?

Amirpour, die als Kind iranischer Eltern in den USA aufwuchs, hält sich mit Interpretationen zurück. Sie nennt lediglich David Lynch, Sergio Leone und Murnaus Nosferatu als Einflüsse, und tatsächlich bedient sie sich in A Girl Walks Home Alone At Night elegant unzähliger Genrefilm-Referenzen. Die Lobeshymnen, die nach der Premiere auf dem letztjährigen Sundance Festival gesungen wurden, sind vor allem aus einem Grund gerechtfertigt: Dieser Film ist viel mehr als die Summe seiner Teile.

Bad City, diese trostlose Stadt, hat einen Helden, Arash. Nicht ganz sauber, aber immerhin nicht so verkommen wie alle anderen. In weißem T-Shirt und Jeans spielt er den lokalen James Dean. Für seinen 57er Ford Thunderbird hat er lange gespart. Seit die Mutter fort ist, bringt er seinen drogenabhängigen Vater allein durch.

Bad City hat aber eben auch eine Heldin, namenlos. Sie ist allein unterwegs, nachts. Die meisten, die ihre Bekanntschaft gemacht haben, liegen nun vor der Stadt in der Grube. Ihr Geheimnis verhüllt sie unter einem schwarzen Tschador: Unauffälliger kann sich eine muslimische Vampirin nicht kleiden. Sie hört gern Pop auf ihrem Plattenspieler, und manchmal rauscht sie durch die Straßen auf einem Skateboard, das sie einem kleinen Jungen abgejagt hat.