Bis kurz vor Schluss war eigentlich alles wie immer: Heribert Prantl hatte Recht, Günther Jauch wirkte latent überfordert und Roger Köppel war Roger Köppel. Aber dann, die Sendung dauerte eigentlich nur noch ein paar Minuten, sagte Jauch noch einen Gast an: Harald Höppner, der fast eine Stunde im Publikum auf seinen Auftritt gewartet hatte. Es gab einen Einspieler zu dem Mann, der mit seiner Familie in Brandenburg lebt und es irgendwann nicht mehr ertragen konnte: die Nachrichten von Flüchtlingen, die auf ihrem menschenunwürdigen Weg übers Mittelmeer sterben. Höppner kaufte sich ein Schiff, weil er dagegen etwas tun wollte, nämlich Menschen retten.

Darüber wollte Jauch mit Höppner sprechen – aber Höppner wollte nicht mit Jauch sprechen. Kaum dass Jauch neben ihm Platz nahm, sprang er auf, schritt aufs Gästepodest, drehte sich zum Studiopublikum und forderte eine Schweigeminute für die mehr als 700 Flüchtlinge, die wenige Stunden zuvor auf dem Meer ums Leben gekommen waren. Und das Publikum stand auf, sogar Köppel erhob sich, und Jauch lief hinter Höppner her, so als ob er seine eigene Sendung einfangen müsste, die Sendung, die in diesem Moment nicht mehr Günther Jauch hieß, sondern für eine wunderbar richtige Minute Harald Höppner.

Und die Hilflosigkeit des Moderators einer Talkshow, in der eine Minute geschwiegen wird, und diese Minute, die plötzlich alles menschlicher und würdevoller gemacht hat als all die Minuten zuvor – das war ein ganz großer Fernsehmoment. Weil alles stimmte. Weil es sich richtig anfühlte – und weil es richtig war. Und nach dieser Minute, als Jauch dann doch noch versuchte, das langweilige Spiel, Jauch fragt, Gast antwortet, zu spielen, da sagte Höppner nur, dass er nicht mehr diskutieren wolle. Und in dem Moment war der Mann bereits ein Star in den sozialen Medien.

Die Minute als Sternstunde des Fernsehens

Was vorher geschah? Man kann es natürlich getrost vergessen. Wäre die Sendung nach 55 Minuten zu Ende gewesen, dann hätte man sich geärgert über Roger Köppel und nachgedacht über das, was Heribert Prantl gesagt hat, und man hätte sich wieder darüber gewundert, dass ein Mann wie Hans-Peter Friedrich wirklich einmal Innenminister war – aber all das hat man beinahe jede Woche, wenn man sich eine politische Talkshow in Deutschland anschaut. Man hätte sich am Sonntag vielleicht nur noch ein bisschen mehr aufgeregt, nach dem, was kurz zuvor passiert war.

Man hätte sich über den Unsinnssatz aufgeregt "So kann es nicht weitergehen", der von Köppel und Friedrich kam; man hätte Prantl zugestimmt, der sagte, dass Flüchtlinge ja nicht "aus Jux und Tollerei" nach Europa wollen würden; man hätte kurz überlegt, ob Friedrich wirklich meinte, dass die, die "nur besser leben wollen", in Europa nichts verloren hätten (und damit nebenbei die Grundidee des Kapitalismus torpediert); man hätte den Kopf geschüttelt, als Köppel zu Prantl sagte, er sei doch "ein wohlhabender Mann", warum er denn nicht bei sich zu Hause Flüchtlinge aufnehmen würde.

Und man hätte wahrscheinlich den Fernseher angebrüllt, als ein gewisser Herr Haase zur Wort kam, der keine Flüchtlinge in Bautzen (Ausländeranteil: 1,3 Prozent) haben will, und der ein typischer Vertreter der "Ich-habe-überhaupt-nichts-gegen-Ausländer,-aber…"-Rassisten ist. Man hätte diese Talkshow – wie so viele davor – vergessen, verdrängt. Aber dann kamen die letzten vier Minuten. Dann kam die entscheidende Minute, die eigentlich gar keine Minute war, sondern eine Sternstunde des Fernsehens und der Menschlichkeit.

Die rhetorische Frage zur Sendung lautete: "Was ist unsere Pflicht?" Und vielleicht hat Harald Höppner die richtige Antwort darauf gegeben: innehalten. Nicht diskutieren. Machen.