Am vergangenen Wochenende war ein kleines Osterwunder zu bestaunen, eine Wiederauferstehung gewissermaßen. Allein in Deutschland wohnten 1,6 Millionen Menschen diesem Spektakel bei – angesichts des allseits beklagten Rückgangs von Kirchenmitgliedschaften ein positives Signal für den spirituellen Haushalt der Deutschen.

Welches Ereignis also vermochte die Massen zu einen? Der Action-Blockbuster Fast and Furious 7 startete mit viel Getöse in den Kinos. Unter den Hauptdarstellern des vitalistischen Bolidenzaubers befand sich auch ein Name, der vor anderthalb Jahren traurige Schlagzeilen gemacht hatte. Am 30. November 2013 starb während der Dreharbeiten zu ebendiesem Film Paul Walker, von Beginn an festes Inventar der Reihe, bei einem privaten Autounfall. Für die Produktionsfirma war das auch aus PR-Gründen ein Desaster: Wie sollte man den Fans schnelle Autos und den Rausch der Geschwindigkeit als ultimativen Lustgewinn verkaufen, wenn der Hauptdarsteller gerade bei einem illegalen Autorennen ums Leben gekommen war? Aus Pietätsgründen wurde der Kinostart auf unbestimmte Zeit verschoben.  

Fast and Furious 7 schafft jetzt die Gratwanderung: Einerseits ist es ein Requiem für seinen verstorbenen Hauptdarsteller, gleichsam – The Show must go on – ein weiteres testosterongetriebenes Bekenntnis zum Rasen ohne Bremsen und Bodenhaftung. Tollkühne Männer in fliegenden Kisten für die Generation Grand Theft Auto. Und weil die Filme die Gesetze der Logik und der Physik ohnehin aus den Angeln heben (Höhepunkte im siebten Teil sind der Dreisprung eines Sportwagens von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer und der Fallschirmabsprung einer Formation von muscle cars) haben die Macher die einzig konsequente Entscheidung getroffen, um den Ausfall ihres Stars zu kompensieren: Die bereits abgedrehten Szenen mit Walker wurden um Aufnahmen aus älteren Filmen ergänzt, außerdem sprangen seine jüngeren Brüder als Körperdoubles ein. Ihnen wurde Walkers Gesicht mit Hilfe digitaler Technik transplantiert. Damit ist Fast and Furious 7 der erste Blockbuster mit einem echten Avatar in der Hauptrolle.

Fraglich ist allerdings, ob der Film gerade wegen dieses Paul-Walker-Requiems alle Kassenrekorde bricht. Der sagenhafte Erfolg des Fast-and-Furious-Franchise bleibt ein Phänomen, das sich nur schwer erklären lässt. Ursprünglich wurde es als kleine, billig produzierte Car-Porn-Fantasie für Fans des deftigen Genrekinos auf den Markt geworfen (das Frauenbild der Filme stammt etwa aus der Zeit, als Vin Diesels schwarzer Dodge Charger vom Band ging). Mittlerweile setzen die Filme mit ihren steroidgeputschten Stunt-Choreografien und exaltierten Actionszenen Maßstäbe im Segment des High-Concept-Blockbusters. Man muss den Machern inzwischen auch eine Menge Selbstironie attestieren – spätestens, als sie im fünften Teil die Truppe um Dwayne "The Rock" Johnson, eine weitere fleischgewordene Comic-Actionfigur, erweiterten. 

Heute setzt die Filmreihe Action-Maßstäbe

Die Köpfe von Johnson, Diesel, Walker und Jason Statham (in der Rolle des Widersachers) formieren in Fast and Furious 7 so etwas wie das Mount-Rushmore-Monument des gegenwärtigen US-Actionkinos: böser Blick und ausgeprägte Halsmuskulatur. Ihre Zählebigkeit erinnert ein wenig an die alten Warner-Cartoons mit dem Roadrunner und Coyote Willie. Walker und seine Kollegen werden aus Flugzeugen geworfen, in Frontalzusammenstöße geschickt und in die Luft gejagt – und schütteln sich nach jeder Actionszene nur kurz den Staub von den Schultern. 

Diesen Wandel vom prolligen Spektakel zur Familienunterhaltung vollzieht der neue Film auch inhaltlich. Die müden Actionhelden sind im bürgerlichen Mainstream angekommen. "Ich habe keine Freunde, ich habe Familie", erklärt Diesel einmal im Action-typischen "Jetzt wird's persönlich"-Duktus. Und Walker schnallt im Auto sogar seinen kleinen Sohn an. Man wird trotz des ständigen Lärms fast etwas wehmütig. Vielleicht liegt genau darin Paul Walkers Vermächtnis: zu zeigen, dass man auch als toter Actionheld in Würde altern kann.