In den vergangenen Tagen beschäftigte ein Thema die Kollegen von den People-Magazinen ganz besonders: Darf/sollte/muss eine Schauspielerin, der die Ehre zugekommen ist, über den roten Teppich von Cannes die Stufen in den Festivalpalast hinaufzugehen, Absätze von mindestens 18 Zentimetern tragen? Oder sind flache Sandaletten auch okay?

In gewisser Weise haben sie ja Recht. Es kommt bei Schauspielerinnen mitunter auf ein bisschen mehr oder weniger durchaus an. Nur haben sie untertrieben. Nicht wenige Zentimeter entscheiden über einen gelungenen Auftritt, sondern schon wenige Millimeter. Jedenfalls auf der Leinwand. 

In dem Film Valley of Love ist das einmal sehr schön zu beobachten. Isabelle Huppert spielt darin eine Frau, deren erwachsener Sohn sich vor acht Monaten umgebracht hat und ihr einen letzten Brief hinterließ, demzufolge sie sich nun mit dem Vater (Gérard Depardieu) im Death Valley zu treffen und eine Woche zu verbringen hat. 

Da sitzen die beiden nun in der heißen Unbarmherzigkeit dieser Landschaft, starren auf die Aussicht, die ihnen ihr Sohn via letztem Willen und nach festem Zeitplan auferlegt hat, und rätseln, was ihr Sohn damit wohl bezwecken wollte. Sollen sie sich nach all den Jahren wieder näherkommen? Sollen sie ihren Schuldgefühlen nachspüren? Als Eltern fühlen sie sich verantwortlich, aber in welchem Maße müssen sie das? 

In ihrer reinen Körperlichkeit könnten Depardieu und Huppert nicht unterschiedlicher sein. Er, mächtig schwitzend und japsend in einem Körper, der so formatsprengend ist, dass man häufig nur den bulligen Kopf, die Schultern, den Bauch im Bild sieht. Obendrein oft genug fast nackt. "Bei der Hitze werden sie zu Steaks", schnauft er einmal mit Blick auf seine Füße. Der Anblick wird uns erspart, aber man ahnt, was er meint. 

Neben diesem Mann wirkt Huppert noch schmaler, als sie ohnehin ist, ihr Kopf wie bei einem Kind übergroß. Ihr Körper wird immer von Kleidung verhüllt oder ist nur unter Wasser zu erahnen, wenn sie sich im Pool abkühlt. 

So unterschiedlich ihre Physis ist, so unterschiedlich gehen sie mit ihrer Trauer um – fast schon kalte Faktenakzeptanz versus fast schon esoterische Wiedergängerfantasien. Dennoch vertrauen sich die beiden im Lauf ihrer gemeinsamen Reise einiges aus ihrem jetzigen Leben an: von ihren neuen Familien, ihrer Gesundheit.

Verschüttete Vertrautheit

Das geht im Laufe des Films weniger tief, als man bei der Ausgangslage vermuten könnte. Aber Depardieu und Huppert bei ihrem Spiel zuzuschauen wäre wohl auch ein Genuss, wenn sich die beiden nicht über Gott und die Welt und den Tod unterhielten, sondern über Hallenhalma. 

An einem der Abende sitzen sie im Hotelzimmer nebeneinander auf dem Bett. Da haben sie schon einiges vom jeweils anderen erfahren, die Kamera zeigt uns am äußersten linken Bildrand Depardieus Hinterkopf und in der Bildmitte Hupperts schönes Gesicht. Und dann macht Huppert eine winzig kleine Bewegung mit dem Kopf. Es ist, könnte man es nachmessen, sicherlich weniger als ein Millimeter, den sie da auf Depardieu zu rückt. Doch mit einem Mal liegt der Zauber einer längst verschütteten Vertrautheit über ihnen. Huppert lächelt, ganz kurz, weil es ihr wohl albern erscheint, und Depardieu streicht ihr mit seiner Hand, dieser sonnenverbrannten Riesenpranke, so unendlich zärtlich über die Wange, dass Huppert noch einmal lächelt. Mein Gott, weiß man da, wie sehr sich hier zwei Menschen einmal geliebt haben. 

Wie gesagt: Für diese Erkenntnis war kaum ein Millimeter entscheidend.