John Turturro in der Rolle eines schlechten Schauspielers in Nanni Morettis Film "Meine Mutter" © Festival de Cannes

Am Samstag wurde dann erneut das Thema Tod aufgegriffen. Der italienische Regisseur Nanni Moretti, so was wie ein Stammgast in Cannes, sieben Mal war er dabei, erzählt in Mia Madre vom Tod seiner Mutter. Natürlich darf man das so autobiografisch-direkt nicht schreiben und Moretti reklamiert zu Recht, dass er in den Film eine ganze Menge kreativer Arbeit reingesteckt habe. Aber die Parallelen sind doch so deutlich, dass sie es lohnen, erzählt zu werden. Morettis Mutter erkrankte und starb, während er weiter arbeitete. Sie war Lehrerin für Griechisch und Latein. Ehemalige Schüler der Mutter erzählen ihm noch heute, wie viel sie ihnen bedeutete. 

All das ist auch Teil des Skripts von Mia Madre. Hauptfigur ist jedoch nicht Nanni Moretti, sondern Margherita (Margherita Buy), eine Regisseurin, die gerade eine Phase beruflicher und privater Ungewissheiten durchlebt, während ihre Mutter im Sterben liegt. Moretti spielt "nur" Margheritas Bruder. 

Entstanden ist ein wunderschöner Film für alle, die ihre Mutter lieben, und zwar unabhängig davon, ob sie es geschafft haben, diese Liebe auch als Erwachsener noch zu zeigen, oder nicht. Also für ziemlich viele. 

Moretti verflicht geschickt die filmische Wirklichkeit im Krankenhaus und an Margheritas Arbeitsplatz, dem Set zu einem sozialkritischen Film, mit Margheritas Erinnerungen und Träumen. Dadurch entsteht ein präzises, vielschichtiges Bild ihres emotionalen und mentalen Zustandes: Sie liebt ihre Mutter und akzeptiert erst sehr spät, dass deren Tod unmittelbar bevorsteht. Sie empfindet aber auch Schuldgefühle. Einmal, erinnert sie sich, hatte sie das Auto ihrer Mutter absichtlich gegen eine Mauer gefahren, weil sie nicht mehr wollte, dass diese noch fährt und sich oder andere gefährdet. Gut gemeint von Margherita und wohl pragmatisch gedacht, aber grausam, wenn man in das Gesicht der Mutter blickt, die sich das mit ansehen musste. 

Auch führt Margherita ihre Dreharbeiten fort, statt in dieser Phase wie ihr Bruder ganz für die Mutter da zu sein. Dabei hat sie auch noch mit einem entsetzlich unfähigen Schauspieler zu kämpfen. John Turturro spielt diese Nervensäge mit Starallüren ganz großartig und schafft durch sie einen herrlich komödiantischen Gegenpol zu der Schwere des Sujets. So sei das Leben, sagte Moretti in Cannes, und es entspreche genau seiner Art, es zu nehmen: Leicht und schwer zugleich.