Nach 1 h 21 min (handgestoppt) haben Cate Blanchett und Rooney Mara das erste Mal Sex miteinander. Carol heißt der Film, der von der unbändigen Leidenschaft zweier Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft in den 1950er Jahren handelt, und natürlich gab es viel Gesumme darum, wie diese beiden Schönheiten das unter der Regie von Todd Haynes und vor der Kamera von Ed Lachman wohl machen würden. Nach 1 h 22 min weiß man: so schön wie den ganzen Rest. Wenden wir uns also diesem Rest zu. 

Noch lebt Carol Arid (Blanchett) in ihrer konventionellen Ehe mit einem reichen Investmentbanker. Doch die Scheidung steht kurz bevor. Das Sorgerecht um die gemeinsame Tochter haben sie bereits in aller Vernunft besprochen. Doch dann begegnet Carol in New York der jungen Verkäuferin Therese Belivet (Mara) und beide spüren augenblicklich eine unerklärliche Anziehungskraft füreinander. Therese ist noch viel jünger, aber auch ihr Leben scheint bereits vorgezeichnet. Ihr Freund Richard geht fest davon aus, dass sie bald heiraten werden. Immerhin hat er Therese schon gefragt und die Tickets für ihre Europareise gekauft. 

Trotzdem können die beiden Frauen nicht anders, als der Kraft ihrer Anziehung und ihren Gefühlen zu folgen. Ihr gemeinsamer Roadtrip gen Westen wird eine Reise beider Frauen zu sich selbst und zueinander. Doch das Glück währt nicht lange. Ihre Liebe stößt auf harte Widerstände. Um ihre kleine Tochter weiter sehen zu dürfen, soll Carol auf ihre Liebe zu Therese verzichten. 

Patricia Highsmith, deren Novelle The Price of Salt aus dem Jahr 1952 dem Film zugrunde liegt, wollte der Frage nachgehen, welchen Preis man zu zahlen bereit ist, um aufrichtig zu bleiben. Was nützt es, seine Gefühle wahrhaftig ausdrücken zu können, wenn man dafür von den anderen bestraft wird – wie Carol von ihrem Noch-Ehemann? Kann man seine eigene Natur und seine Gefühle verleugnen? 

Das alles wird ganz klassisch erzählt, meist in Rückblenden und mit großer stilistischer Ruhe, in einem Setdesign aus feinstem Vintage und Kleidern in den gedeckten Ampfer- und Kieseltönen der frühen 1950er, mit leuchtend roten Kontrasten. Und natürlich ist die Rolle der eleganten Carol eine Paraderolle für Cate Blanchett. Wie sie ihre Haare zurückstreicht, Handschuhe aufnimmt, eine Zigarette anzündet, "I love you" haucht – wie Therese kann man auch als Zuschauer von dieser Carol kaum genug bekommen. Unnachahmlich, wie Blanchett in einer Szene – es ist das erste Mal, dass Therese und sie sich in Carols Villa treffen – in einem Etuikleid auf dem Boden sitzt, die Beine akkurat seitlich untergeschlagen und dann aufsteht und auf Therese zugeht. Es ist eine einzige fließende Bewegung, auf natürliche Weise vollkommen. 

Die aufwühlendste Szene ist jedoch, als sich Carol mit ihrem Mann vor den Anwälten trifft, um erneut das Sorgerecht zu verhandeln. Völlig erschöpft ist sie da bereits von dem langen Versuch, ihre Gefühle zu leugnen. Sie hat sich von Therese getrennt und eine Psychotherapie begonnen, um sich von dem zu "befreien", was damals als "unmoralisches Laster" gilt. Doch die verhärteten Fronten, das verlorene Vertrauen in ihren Mann, dem sie nie ihr Kind vorenthalten wollte, lassen sie um Fassung ringen und ein Plädoyer für die Aufrichtigkeit halten. Auch wenn sie dadurch riskiere, ihr Kind zu verlieren, sagt sie, könne sie doch auch niemals eine gute Mutter sein, wenn sie ihre Natur verleugne.