Morgens um vier ist die Welt noch in Ordnung. Es sei denn, es läuft "Game of Thrones". Der deutsche Bezahlsender Sky zeigt die fünfte Staffel der Erfolgsserie parallel zur US-Ausstrahlung auf HBO. Während der Primetime in Amerika ist in Deutschland allerdings noch nicht einmal die Sonne aufgegangen. Unser Autor muss nun also jeden Montag verdammt früh aufstehen – um zu verraten, was in der Fantasy-Serie passiert.

Eine gute Mutter lässt ihre Kinder nie im Stich, sagt Daenerys Targaryen und wirft ihren Drachen eines der Familienoberhäupter von Meereen zum Fraß vor. Den Drachen schmeckt's, sie hungern jetzt ja auch schon eine halbe Staffel eingekerkert vor sich hin, als lebende und leider etwas unkontrollierbare Abschreckungswaffen. Daenerys setzt sie nun ein, um die einstigen Herrscherclans des Stadtstaates Meereen zur Gefolgschaft zu zwingen: Wer von ihnen mit den maskierten Aufständischen kollaboriert, die Daenerys in den vergangenen Folgen das Regieren schwergemacht haben, wird im Drachenfeuer geröstet.  

Irgendwer muss der Herrscherin unbemerkt aus der europäischen Renaissance Machiavellis Der Fürst und die Discorsi ins Fantasy-Mittelalter hinübergereicht haben. Sie hat sie offenbar aufmerksam gelesen. So heißt es in Der Fürst: "Ihr müßt euch nämlich darüber im klaren sein, dass es zweierlei Arten der Auseinandersetzungen gibt: die mit Hilfe des Rechts und die mit Gewalt. Die erstere entspricht dem Menschen, die letztere den Tieren. Da die erste oft nicht zum Ziele führt, ist es nötig, zur zweiten zu greifen."

Zwei verschiedene politische Philosophien

Die Einübung der Staatskunst ist bislang eines der großen Überthemen dieser fünften Staffel von Game of Thrones, und in deren Mitte scheinen sich die beiden Auszubildenden Daenerys und Jon Snow endgültig für zwei verschiedene politische Philosophien entschieden zu haben. Jon startet trotz der zu erwartenden Widerstände in den eigenen Reihen den ziemlich idealistischen Versuch, Frieden zu stiften zwischen seinen Leuten und den traditionell verfeindeten Wildlingen. Er glaubt allen Ernstes an die Vernunft aller Beteiligten, sich eher gegen den heranrückenden Feind zu verbünden, die White Walkers, als von dieser Armee der Untoten geschlachtet zu werden. Da schüttelt der Realist Stannis Baratheon den Kopf und zieht lieber gen Winterfell in den Krieg.

Daenerys hingegen hat es im fernen Meereen bereits mit einem blutigen Aufstand gegen sich zu tun. Als Möchtegernkönigin geht sie Machiavellis Fürstenbuch beinahe sklavisch Kapitel für Kapitel durch, vom Erwerb der Herrschaft bis zu deren Verteidigung. Nun sind wir in Kapitel 17 angekommen und bei der Frage, ob Daenerys geliebt oder gefürchtet werden möchte: Auf die Liebe ihrer Untertanen, ob die nun dem Adel entstammen oder dem gemeinen Volk, pfeift sie zumindest einstweilen. Für sentimentale Stunden hat sie ihre Drachenkinder, auch wenn die aus dem Kuschelalter langsam raus sind.