Morgens um vier ist die Welt noch in Ordnung. Es sei denn, es läuft "Game of Thrones". Der deutsche Bezahlsender Sky zeigt die fünfte Staffel der Erfolgsserie parallel zur US-Ausstrahlung auf HBO. Während der Primetime in Amerika ist in Deutschland allerdings noch nicht einmal die Sonne aufgegangen. Unser Autor muss nun also jeden Montag verdammt früh aufstehen – um zu verraten, was in der Fantasyserie passiert.

"Herrje", stöhnt Olenna Tyrell, die Großmutter aller Intrigen, als sie sich King's Landing nähert, der Heimat ihrer großen Widersacherin und Schwester im Geiste, Königinmutter Cersei. "Man kann die Scheiße aus fünf Meilen Entfernung riechen." Womit Olenna bezüglich dieser sechsten Folge der fünften Staffel von Game of Thrones zugleich recht und unrecht hat. Die Pläne diverser Hauptfiguren werden nun entweder endgültig enthüllt oder zumindest teilexekutiert, die potenziellen Gefechtslagen der nächsten Zeit erscheinen klar, und trotz mancher Vorhersehbarkeit ist von allen aktuellen Doppelspielen das von Littlefinger zugleich das überraschendste und in jedem Sinne verführerischste. Denn es zeigt: Die Intrige ist am schönsten, wo sie bei allem nötigen Blutzoll auch ein schöpferisches Mittel ist und nicht bloß destruktiv. Cerseis Ränke stinken im Vergleich wirklich eher zum Himmel. Beziehungsweise: Sie stinken ab.

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Der Kontrast wird deutlich in einer Szene, da sich der aus Winterfell nach King's Landing zurückgeeilte Littlefinger und Cersei dort gegenübersitzen und er ihr eine Intrige vorschlägt, die jedes Königsdramas würdig wäre: Sie möge in aller Seelenruhe zuschauen, wie sich die Truppen des selbst ernannten Königs Stannis und der Familie Bolton, die die Starks als Wardens of the North abgelöst haben, im bevorstehenden Kampf um die Burg Winterfell dezimieren – und am Ende möge sie ihn, den Sozialaufsteiger Littlefinger, zum Hüter des Nordens machen. So würde das ohnehin dauerklamme Haus Lannister Geld und Soldaten sparen und hätte schließlich in ihm einen vermeintlich verbündeten Sachwalter. Nun hat sich Cersei statt auf kreative Ränke mittlerweile auf zerstörerische Ranküne spezialisiert und willigt unter der Bedingung ein, Sansa Starks Kopf auf einem Speer geliefert zu bekommen. Man glaubt sie schon im Wahn ihrem weltliterarischen Intrigantinnenvorbild Lady Macbeth nachplappern zu hören: "Fort, verdammter Fleck, fort, sag ich!"

Eine beinahe unblutige Folge

Ach, wie blind ist die Rache der Königinmutter. Littlefinger hat doch so offensichtlich ganz anderes vor mit Sansa, er will sie zu seiner Frau machen, ob nun aus kalter Berechnung oder auch romantischer Zuneigung. Die Verbindung zu Sansa würde ihm jedenfalls genauso zur Legitimierung seiner erhofften Position als Warden of the North durch die Familienanbindung mit den Starks dienen, wie es diejenige von Ramsay Bolton zu Sansa tun soll, nach der in dieser Folge nun vollzogenen Vermählung der beiden. Die verlief – eine Seltenheit in der Hochzeitshistorie von Game of Thrones – immerhin mal unblutig. Gut, bis zur Entjungferung Sansas durch Ramsay, doggy style. Es steht zu befürchten, dass dies eher der harmlose Auftakt zu einem unschönen Reigen an devianten Sexualpraktiken sein wird, die der kaputte Ramsay an der unschuldigen Sansa ausprobieren wird. Littlefingers Plan sollte sich möglichst rasch realisieren, im Interesse aller Beteiligten, auch dem der Zuschauer.

"Wenn wir mit Königen Mitleiden haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen", schrieb Lessing einst in seiner Hamburgischen Dramaturgie. Die Gültigkeit dieser These scheint Cersei in ihrer Funktion als Königinmutter auch im zweiten Teil ihres aktuellen Rachefeldzuges austesten zu wollen: Sie lässt den Chef ihrer Gotteskriegerarmee nicht bloß Loras Tyrell anklagen, ihren schwulen Fast-Ehemann, sondern sogar auch dessen Schwester Margaery Tyrell, die Königin. Ist Cersei verrückt geworden? Sie braucht doch die Truppen der Tyrells für den Notfall, und die Sparrows, diese Taliban von Westeros, wären kein verlässlicher Ersatz. Denn auch bis ins Fantasialand von Game of Thrones sollte sich herumgesprochen haben, dass Gotteskrieger leider die unangenehme Angewohnheit haben, keiner irdischen Macht dauerhaft zu folgen.