Morgens um vier ist die Welt noch in Ordnung. Es sei denn, es läuft "Game of Thrones". Der deutsche Bezahlsender Sky zeigt die fünfte Staffel der Erfolgsserie parallel zur US-Ausstrahlung auf HBO. Während der Primetime in Amerika ist in Deutschland allerdings noch nicht einmal die Sonne aufgegangen. Unser Autor muss nun also jeden Montag verdammt früh aufstehen – um zu verraten, was in der Fantasy-Serie passiert.

Wenn man das Gold und die Ornamente entfernt, so raunt der High Sparrow, wenn man die Statuen und Säulen stürzt, dann bleibt etwas Einfaches, Beständiges und Wahres übrig. Was halt religiöse Fanatiker so reden, mag in diesem Moment noch die Königinmutter Cersei denken, während sie dem High Sparrow lauscht, den sie selbst zum obersten Geistlichen von King's Landing gemacht hat: Arme Bettelmönche und ihre Sehnsucht nach der Reinheit des Glaubens, wie süß! Hätten sie nur eine Ahnung von den Verlockungen des wahren Lebens jenseits der Kirchenmauern, Alkohol, Sex und dem Rock 'n' Roll der Macht; und von dem Preis, den gerade eine Frau wie Cersei in Game of Thrones für all das zahlen muss – Einsamkeit, Verachtung, Schändung.

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf mich, mag es der Ehebrecherin Cersei durch den Kopf gehen. Nun ja, im Fantasy-Reich Westeros liest keiner die Bibel, das Johannesevangelium, doch ein bisschen Barmherzigkeit darf man von einem Geistlichen wie dem High Sparrow ja wohl erwarten. Der hingegen lässt Cersei gefangen nehmen. Kein Sünder (und erst recht keine Sünderin) entkommt der gerechten Strafe durch die Sparrows, den selbsternannten Verteidigern der Westeros-Religion Faith Of The Seven. Die hat etwas Alttestamentarisches, insofern kennt sie auch Pfingsten noch nicht. Der Heilige Geist muss in dieser Serie überhaupt erst noch erfunden werden.

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die christliche Kirchengeschichte, ist doch der fiktive Bettelorden der Sparrows in Game of Thrones ziemlich eindeutig nach dem der Dominikaner in spätmittelalterlichen Zeiten modelliert, zur Hochzeit der Inquisition und vor der Aufgabe des strengen Armutsprinzips. Nicht nur die Missionierung von Ungläubigen, auch die erbarmungslose Jagd nach Häretikern steht weit oben auf der To-do-Liste, und auch nicht-doktrinäre Vergehen werden verfolgt: Die beiden Ketzer Loras Tyrell (Homosexualität) und seine Schwester, Königin Margaery (Falschaussage und Blasphemie) bekommen nun eine neue Zellennachbarin, die idealtypische Hexe Cersei. Der Kronzeuge für deren Verbrechen ist dummerweise ein Mitbruder des High Sparrow, nämlich Lancel, zugleich Cerseis Cousin und Ex-Geliebter. Ach, hätte die nimmersatte Cersei sich ihre Liebhaber mal außerhalb der eigenen Familie gesucht, dann hätte sie sich auch den ganzen Inzestärger mit ihrem Bruder Jaime erspart. Aber: Wo Liebe und Sexgier halt hinfallen.

Alle Hoffnung ruht auf Tommen

Cerseis kunstvoll eingefädelte Intrige gegen die Tyrells wendet sich nun gegen die Urheberin selbst. Und einer ihrer Richter wird der High Sparrow sein. Anders als in Der Name der Rose, woran dieser Handlungsstrang in Game of Thrones eindeutig erinnert, muss erst gar kein dominikanischer Inquisitor wie Bernard Gui hergeholt werden. Der High Sparrow ist schon da und alles in Personalunion – Papst, Leiter der Glaubenskongregation, Ordensmeister und Inquisitor. Ach, auch da: Hätte ihm Cersei doch nicht zur vollkommenen Macht verholfenen. Ihre letzte Hoffnung ist nun ausgerechnet der Schwächste, ihr Muttersöhnchen König Tommen. Doch was soll er tun? Die Sparrows zur Selbstreformierung zwingen? Tommen ist nicht gerade ein Napoleon, und der tauchte auch erst ein paar Jahrhunderte nach Beginn der Ketzerverfolgung auf, um 1798 eher nebenbei die Römische Inquisition (vorläufig) abzuschaffen. So viel Zeit hat Cersei nicht, und wer sollte King's Landing, diesen nunmehr Sparrow-Kirchenstaat in Gründung, denn derzeit napoleongleich annektieren?

Es sind ja alle Feldherren und -damen all überall in Game of Thrones mit sich selbst beschäftigt. Stannis spielt beim Marsch auf Winterfell eher Napoleons Russlandfeldzug nach, seine Armee versinkt im Schnee. Und jenseits des großen Meeres in Meereen liegt Daenerys mit Daario kopulierend im Bett herum. Nach getanem Geschlechtsverkehr widerspricht sie seinem Rat, einfach mal das örtliche Führungspersonal zu töten, um sich Respekt zu verschaffen. Sie wolle Königin sein, keine Metzgerin, beteuert Daenerys noch immer idealistisch. Um sich dann widerwillig das Abschlachttraining der örtlichen Sklavengladiatoren anzuschauen, wo ihr – endlich! – der verstoßene Jorah Mormont das Geschenk machen kann, das dieser Folge auch ihren Titel gibt, The Gift: Dorah übergibt Daenerys seine Geisel Tyrion Lannister, Cerseis verhassten sehr kleinen Bruder.

So befinden sich nun alle drei Lannister-Geschwister in Gefangenschaft, Cersei in King's Landing, Tyrion in Meereen, Jaime in Dorne. Auch ein Pfingstwunder würde den Dreien gerade nicht helfen. Denn was nützt einem der heiligste Geist, wenn das Fegefeuer auf einen wartet.