Er war gerade mal 23 Jahre alt, als er 1938 mit seinem Hörspiel Krieg der Welten die USA in Angst und Schrecken versetzte; nur wenig später drehte er sein Kinodebüt Citizen Kane, das seitdem regelmäßig zum "besten Film aller Zeiten" gewählt wird; als Schauspieler schuf er 1949 mit Harry Lime in Der dritte Mann einen Prototyp des ebenso intelligent-charmanten wie skrupellosen Bösewichts – und das, obwohl er in dem ganzen Film keine zehn Minuten zu sehen ist: Orson Welles

Es gibt kaum einen anderen Künstler des 20. Jahrhunderts, der auf so vielen Gebieten Bahnbrechendes geleistet hat wie er. Und doch ist es eine Ironie der Geschichte, dass dieses Radio- und Filmgenie ab 1950 pausenlos damit beschäftigt war, Geld für seine Projekte aufzutreiben, weil kaum jemand in sie investieren wollte. In Hollywood und später auch in Europa galt Welles als selbstherrlich, unzuverlässig und vor allem als Kassengift. So spielte er bereits in Der dritte Mann nur gegen sofortiges Cash, weil er für seine Othello-Verfilmung dringend eine Finanzspritze benötigte und deshalb auf eine Gewinnbeteiligung verzichtete, die all seine Probleme gelöst hätte.

Liest man die lange Liste der nicht realisierten Vorhaben dieses unermüdlichen Projektemachers, kommt man ins Träumen: Wie hätte Welles’ Version von Don Quijote ausgesehen, an der er über 30 Jahre lang drehte, ohne sie je zu vollenden? Wie der Krimi The Deep von 1969 mit Jeanne Moureau und Laurence Harvey, von dem der Schluss und der Ton fehlen, weil das Geld alle war? Wie der semiautobiografische The other Side of the Wind von 1976 mit John Houston in der Hauptrolle, ein Film, an dessen Vollendung Welles’ Assistent, Peter Bogdanovich, momentan arbeitet? 

So bleiben uns nur Bruchstücke von größenwahnsinnig anmutenden Vorhaben wie beispielsweise die Verfilmung des Moby Dick – mit Welles in sämtlichen Rollen, oder Fragmente des Kostümfilms The Dreamers, gedreht von Welles in seinem Wohnzimmer in Los Angeles mit seiner Lebensgefährtin Oja Kodar. Und wir haben die Berichte jener Künstler, die mit Welles zusammenarbeiteten.

Eine von ihnen ist die Schauspielerin Senta Berger. 1968 lebte sie mit ihrem Mann, dem Regisseur Michael Verhoeven, in Hollywood – und erhielt eines Tages aus heiterem Himmel ein verlockendes Angebot: Ob sie Lust hätte, an einem Film mit Orson Welles mitzuwirken. Die Geschichte der Dreharbeiten und des Folgeprojekts, Der Kaufmann von Venedig, in dem Senta Berger eine Hauptrolle hätte spielen sollen, geben nicht nur einen seltenen Einblick in die Arbeitsweise des späten Welles', sondern auch ein Miniaturporträt des Genies als Charmeur, Zampano und Zauberer.

ZEIT ONLINE: Frau Berger, wie kam es zur Zusammenarbeit mit Orson Welles?

Senta Berger: Er hatte ja schon als Kind eine große Neugierde für Zauberei. Ich glaube, das größte Kompliment, was man Orson Welles hat machen können, wäre gewesen, wenn ein großer berufsmäßiger Zauberer zu ihm gesagt hätte: "Toll! Sie können das auch!" Er konnte es natürlich gar nicht. Aber auch das hat ihm im Grunde gar nichts ausgemacht. Und so hat Orson Welles sich ausgedacht, eine Stunde lang Zaubertricks zu filmen. Und er nannte diese Stunde The Magic Hour. Und weil sich alle darum gerissen haben, alle hübschen Frauen besonders, bei ihm aufzutreten und verzaubert zu werden, und weil er sich auch darum gerissen hat, alle hübschen Frauen in seiner Magic Hour zu haben, hat er verschiedene junge Schauspielerinnen gefragt. Und darunter war eben auch ich.

ZEIT ONLINE: Wie war diese Begegnung?

Berger: Ich wurde abgeholt von seinem persönlichen Assistenten, Peter Bogdanovich. Und dann fuhren wir downtown. Wir fuhren da lange, lange an all diesen aufgegebenen Vierteln vorbei, die früher einmal das Zentrum von Los Angeles waren. Dann kamen wir zu einem alten Theater: roter Plüsch, staubig, mehr oder weniger in einem Hinterhof. Und dann trat Orson Welles aus dem Bühneneingang hinaus. Dieses dröhnende Lachen habe ich noch im Ohr. Es folgte eine feste Umarmung. Er nahm mir gleich alle Angst und machte Späße mit meinem Namen. Senta gab's ja im Englischen gar nicht. Da war ich dann "Santa Baby" für ihn.