Unangenehm ist die Vorstellung, man müsste einem Außerirdischen erklären, was so schrecklich amüsant daran sein soll, wenn nicht mehr ganz junge Frauen zusammen Prosecco trinken. Sagen wir, unser Besucher aus einem anderen Planetensystem wäre zur besten Sendezeit auf Erden gelandet und wollte sich im Fernsehen informieren, was die Leute hier so machen. Im Ersten stieße er auf die österreichische Serie Vorstadtweiber.

Die fängt damit an, dass ein Korken knallt und einige frisierte Damen in pastellfarbenen Fauteuils ihre Sektflöten balancieren und kokette Sprüchlein über die Zukunft ihrer Leber abgeben. Dann kommt eine weitere Frau zu Besuch, die in tarngemusterten Beuteln Sexspielzeug und Reizwäsche anschleppt. Während batteriebetriebene Gummipenisse auf dem Couchtisch rotieren, stellt sich heraus, dass die Vertreterin früher selbst Proseccotrinkerin war, aber von ihrem sehr reichen Mann vor die Tür gesetzt wurde, gerade als sie im Begriff war, ihm ein Schnitzel zu braten. Deshalb muss sie jetzt arbeiten gehen, was von den anderen Frauen als würdelos bedauert wird.

Damit wäre die Handlung der zehn Folgen insgesamt recht gut umrissen: Es geht darum, wie einige Hausfrauen ihr erotisches und konsumatorisches Vergnügen so organisieren können, dass sie dabei ihrer leider nur finanziell potenten Gatten nicht verlustig gehen. Die Männer fahren indes dicke Schlitten und machen krumme Geschäfte. Am Ende führt das alles zu einem Geschlechterkampf, in dem es darum geht, wer wen besser übers Ohr haut: die gierigen Weiber die verschlagenen Männer? Oder umgekehrt?

Man hätte ganz schön Mühe, unserem Alien-Freund begreiflich zu machen, dass das, was er da sieht, mit echten Menschen schon irgendwie zu tun hat, aber nur im entferntesten Sinne. Deutschsprachige Unterhaltungssendungen, würde man vielleicht ausholen, haben mit der Zeit ein sehr hohes Level der Abstraktion erreicht. Bei dieser speziellen Variante der Abstraktion lässt man für gewöhnlich Details und Differenzierungen weg, weil die im Gesamtbild nur stören würden, und landet so bei einem Gemeinplatz. Oder bei einem Ressentiment.

Wenn man zum Beispiel weibliche Leute, die weder in der Stadt noch auf dem Land wohnen, Vorstadtweiber nennt, dann ist das sehr abstrakt. Die Macher von Unterhaltungsfernsehen glauben aber oft, dass die Zuschauer mit dem Detailreichtum des wirklichen Lebens stark überfordert sind, und aus Erleichterung über solche Vereinfachungen lachen. Wenn Frauen in deutschen Fernsehfilmen Prosecco trinken, steht das einfach für: Die sind sonst eher unprickelnd und von ihrem Dasein aus gutem Grund angeödet, aber sie nehmen es leicht. Hicks und hihi.

Noch abstrakter wird die Fernsehkultur, wenn sie sich weniger auf wirkliche Lebensumstände bezieht, sondern auf frühere populäre Serien. Vorstadtweiber ist der US-Serie Desperate Housewives nachempfunden, die ebenfalls im suburbanen, geldigen Spießbürgertum spielt. Über dieses Milieu darf man lachen, das ist Konsens, weil es da keinen Armen trifft. Aus seinen Geheimnissen und Verschwörungen gewinnt das amerikanische Original aber durchaus Spannungsbögen, während das ORF-Remake den Zuschauer recht schnell alles wissen lässt und sich dann in voyeuristischem Gewitzel darüber ergeht, wer wem hinterherspioniert. Man spricht dabei Wiener Dialekt, in dem viel sagbar wäre, was dem Hochdeutschen entgeht, wäre er nicht zum pudrigen Accessoire verdünnt.

Die verzweifelten amerikanischen Hausfrauen mussten damals durchaus Ambivalenzen und ernstzunehmende Schwierigkeiten durchmachen. Die österreichischen Kolleginnen sind so harmlos, dass sich deren Probleme samt und sonders einer schrecklich einfachen Lösung zuführen ließen: arbeiten gehen. Die Idee liegt dermaßen nahe, dass die Serie harte Künstlichkeit und grobe narrative Tricks aufbringen muss ("Er hat mich einen miesen Ehevertrag unterschreiben lassen"), um sie zu unterdrücken.

Es tut einem ein bisschen leid um formidable Schauspieler wie Nina Proll, Simon Schwarz und Bernhard Schir. Und besonders um das Charaktergesicht von Gerti Drassl, das sich gelegentlich zu einer zuckrigen Puppenfratze verzieht, als wollte sie das Luxusweibchen-Getue doch noch ins Groteske ziehen. Aber am Ende ist es eine gute Nachricht, dass Vorstadtweiber komplett abstrakt und unkomisch bleibt. Offenbar kann man es gar nicht mehr glaubwürdig machen, dass Frauen von ihren Ehemännern so abhängig seien, dass sie sich in Lügen und Intrigen verspinnen müssen, um sich selbst treu zu bleiben. Das ist einfach zu unplausibel.

Verdienen denn, könnte jetzt unser Gesprächspartner aus einer fernen Galaxie hoffnungsvoll fragen, in den wirklichen Vorstädten die Frauen ihr Geld mit interessanten Berufen und leben in selbstbewussten Liebesbeziehungen mit ehrlichen Männern? Das nun wieder nicht, müssten wir antworten, es ist schwieriger, aber das wäre der Stoff für eine ganz andere Fernsehserie, die eher nicht zur besten Sendezeit im Ersten laufen würde.