Es hätte eine so lustige Karriere werden können: Nachdem Susanne Bier ihr Studium an der Filmschule in Kopenhagen beendet hatte, drehte sie Liebes- und Familienkomödien wie Freud Leaving Home und Der einzig Richtige. In ihrer Heimat war sie damit sehr erfolgreich. Dann begann Bier eine bis heute andauernde Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Anders Thomas Jensen und machte fortan Dramen, so schrecklich traurig und erschütternd schmerzhaft, dass man sie als Zuschauer manchmal kaum ertragen konnte. Allen Regeln der Wahrscheinlichkeit nach hätte sie damit kommerziell untergehen müssen. Aber das Gegenteil geschah.

Filme wie Open Hearts (2000) und Brothers – Zwischen Brüdern (2004) machten Susanne Bier zu einer international gefeierten Regisseurin. 2011 gewann sie für In einer besseren Welt den Oscar für den besten fremdsprachigen Spielfilm. In Hollywood hat sie mittlerweile auch schon gedreht. Ihre mutigsten Filme entstanden aber weiterhin in Dänemark in Zusammenarbeit mit Jensen. So wie Zweite Chance. Diesmal allerdings will einfach nichts zusammenlaufen. Zweite Chance ist ein feel bad movie, das den Zuschauer malträtiert, ohne ihn zu überzeugen – weder auf narrativer, noch auf emotionaler Ebene. Vielleicht musste das angesichts der immer schon riskanten Erzählweise des Teams Bier/Jensen irgendwann passieren.  

Die Geschichte dreht sich um den Polizisten Andreas (Nikolaj Coster-Waldau), der mit seiner Frau Anna (Maria Bonnevie) endlich das Glück der Elternschaft erfährt: Nach Jahren des Wartens brachte Anna vor wenigen Wochen den kleinen Alexander zur Welt. Bei einem Einsatz stürmt Andreas mit seinem Kollegen Simon (Ulrich Thomsen) die Wohnung des Junkie-Pärchens Tristan (Nikolaj Lie Kaas) und Sanne (May Andersen). Dabei machen sie eine schreckliche Entdeckung: Im Kleiderschrank versteckt liegt ein verwahrloster Säugling. Die Behörden allerdings können nicht einschreiten, weil Sofus weder unterernährt noch krank ist. Einige Tage später werden Andreas und Marie von einem schrecklichen Schicksalsschlag heimgesucht: Nachts stirbt ihr Kind – wie es scheint, am plötzlichen Kindstod. Andreas fasst spontan einen folgenreichen Plan. Noch in der gleichen Nacht fährt er zu Tristans und Sannes Wohnung und tauscht heimlich die Kinder aus.

Da ist sie wieder: die moralische Versuchsanordnung, mit der Susanne Bier und ihr Autor operieren. Die Protagonisten stehen vor Dilemmata, die ihnen reichlich konstruierte Drehbücher bescheren. Beispiel Open Hearts: Nach einem Unfall verlieben sich die Frau des Unfallopfers und der Mann der Verursacherin. Oder Nach der Hochzeit: Ein Idealist, der in Indien ein Waisenhaus leitet, findet heraus, dass seine ehemalige Geliebte mit einem reichen Industriellen verheiratet ist, dessen Geld er braucht. Intensive Dramen über menschliche Schwächen und seelische Höllenqualen, aber auch Hochseilakte über riesige dramaturgische Schluchten.