Der Modeschöpfer Christian Dior hat selbst nur wenige Jahre für das Unternehmen "Christian Dior" gearbeitet, anwesend ist er aber bis heute: Die Schneiderinnen und Nachtwächter erzählen sich von Schatten, die sie während ihrer Nachtschichten im Augenwinkel wahrnehmen, zuklappenden Türen und Schritten im Flur. Das sei der Geist des Firmengründers, sagen die Mitarbeiter: Er schaut nach, ob alles läuft. Christian hat Dior nie verlassen.

In dem Dokumentarfilm Dior und ich wird diese Geschichte immer wieder erzählt, als dürfte sich kein Mitarbeiter dabei erwischen lassen, Christian Diors Geist verpasst zu haben. Der Mythos ist auch ein deutlicher Hinweis in Richtung der Kreativdirektoren: Die Rolle des Genies ist für Christian Dior reserviert. Seine Nachfolger können sein Werk im besten Falle kongenial interpretieren.

Im Jahr 2012 hieß dieser Nachfolger Raf Simons. Von seiner ersten Kollektion erzählt der Film. Der Belgier war von Jil Sander zu Dior gewechselt, nachdem John Galliano erst Adolf Hitler gelobt hatte und dann ins Exil geschickt wurde. Wahrscheinlich hat sich die Firma auch deshalb entschlossen, einen dokumentarischen Film über die ersten Wochen von Raf Simons zuzulassen, ein unerhörter Schritt in der diskreten Modewelt: In den letzten Wochen von Galliano tauchte der Name Dior ziemlich häufig im Zusammenhang mit Antisemitismus auf. Dabei soll es doch um Schönheit gehen, um Anmut, Tradition und Feinsinnigkeit.

Davon gibt es im Hause Dior tatsächlich reichlich: Als Raf Simons am Anfang den Schneiderinnen vorgestellt wird, sieht er sich einer Phalanx des guten Geschmacks gegenüber. Einige Mitarbeiter arbeiten seit mehreren Jahrzehnten hier, sie haben die Kreativ-Direktoren kommen und gehen sehen: Manche konnten es mit dem Geist Christian Diors aufnehmen, andere nicht. Simons immerhin scheinen sie wohlgesonnen, sie nehmen ihn freundlich auf. Als der schüchterne Simons erklärt, er könne nicht garantieren, dass er den Erwartungen gerecht werde, antworten sie ihm: "Wir helfen Ihnen." Trotzdem liegt etwas Dunkles in den Augen des Modeschöpfers, Ehrfurcht vielleicht, oder auch tatsächlich: Angst.

Simons musste seine erste Haute-Couture-Kollektion innerhalb der wahnwitzig kurzen Frist von acht Wochen fertig stellen. Der Termin für die Präsentation stand seit Langem fest. Üblicherweise stehen mindestens vier Monate zur Verfügung. Anders als für den Modeschöpfer Raf Simons wird die Arbeit für den Regisseur Frédéric Tscheng dadurch eher einfacher: Im Film ist ein Countdown ein dankbares Stilmittel, um Tempo und Struktur einzubringen. Wie in einem Thriller, der nur auf Leben oder Tod hinauslaufen kann, geht es auch in diesem Film ständig um alles: jede zu tief sitzende Naht, jeder verrutschte Saum, jeder widerspenstige Stoff kann die entscheidende halbe Stunde kosten, die am Ende fehlt.