Morgens um vier ist die Welt noch in Ordnung. Es sei denn, es läuft "Game of Thrones". Der deutsche Bezahlsender Sky zeigt die fünfte Staffel der Erfolgsserie parallel zur US-Ausstrahlung auf HBO. Während der Primetime in Amerika ist in Deutschland allerdings noch nicht einmal die Sonne aufgegangen. Unser Autor muss nun also jeden Montag verdammt früh aufstehen – um zu verraten, was in der Fantasy-Serie passiert.

 

Manchmal muss ein Mensch sich entscheiden, manchmal zwingt ihn die Welt dazu, sagt König Stannis zu seiner Tochter Shireen und fährt fort: "Wenn ein Mann weiß, wer er ist, und sich selbst treu bleibt, dann ist die Wahl gar keine Wahl. Er muss seiner Bestimmung folgen. Und der werden, der er sein soll. Wie sehr er das auch immer hassen mag."

Ach, steckte in Game of Thrones nur ein bisschen mehr Goethe, die edle Tochter spräche diesem Männergelaber Hohn, wenn auch völlig aus dem Kontext gerissen, na klar:

 

"Mitnichten! Dieses blutigen Beweises
Bedarf es nicht, o König! Laßt die Hand
Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick."

Nun, Goethe und zuvor ein paar andere Dichter, unter ihnen Aischylos und Euripides, gestatteten der Iphigenie überhaupt erst mal ihren großen Auftritt in der Weltliteratur, indem sie sie zunächst verschonten vor dem Irrsinn ihres Vaters Agamemnon. Der glaubte dem Mythos zufolge, seine älteste Tochter der Göttin Artemis opfern zu müssen, damit endlich Wind aufkomme, der sein eingeschifftes Heer übers Meer zum Sturm auf Troja pusten würde. Die Göttin Artemis aber rettete Iphigenie durch Entführung vorm sicheren Opfertod, während König Agamemnon und seine trojanische Seherin Kassandra später die gerechte Strafe ereilte: Agamemnons Frau Klytaimnestra tötete beide.

Blitzkatharsis!

Game of Thrones spielt wie so ungefähr jede andere Fantasy-Erzählung mit der griechischen Mythologie, nur ein wenig grausamer. Stannis ist jedenfalls erfolgreicher als Agamemnon, und aus Shireen wird jetzt erst recht keine Iphigenie mehr: Keine Göttin rettet sie vorm Tod auf dem Scheiterhaufen, den Stannis' Seherin Melisandre eigenhändig entzündet. Die sexy Hexe hat ihren König von der Notwendigkeit dieses innerfamiliärsten Menschenopfers überzeugt: Stannis' Heer droht lange vor dem geplanten Sturm auf die Burg Winterfell in seinem frostigen Lager zu verrecken, erst recht nachdem der böse Ramsay Bolton es mit einer kleinen Kommandoeinheit überfallen hat und ihm die Pferde gleichsam unterm Hintern angezündet hat. Nur noch ein Wunder kann Stannis' Mission zum Erfolg führen, und um dieses dunkle Wunder vom Gott des Lichts zu erflehen, opfert er seine eigene Tochter. Selyse, Stannis' Ehefrau und die Mutter von Shireen, lässt es geschehen; sie lässt die markerschütternden Hilferufe der Tochter ungehört verklingen. Auch für Syrese ist es noch ein langer Weg bis zur rächenden Klytaimnestra-Figur.

Man hätte das alles natürlich kommen sehen können. Denn wenn Game of Thrones sich eine ganze Staffel die Zeit nimmt, einen eigentlichen Bösen (Stannis) sympathisch erscheinen zu lassen und eine eigentlich totale Nebenfigur (Shireen) größer zu machen, als das ihrer Existenz guttut – dann folgt das dicke Ende wie das Amen in der Kirche. Das ist die Logik dieser Serie, sie zwingt ihre Zuschauer in ein geradezu sadomasochistisches Abhängigkeitsverhältnis, und in der vorletzten Folge der fünften Staffel holt sie nun endgültig die Peitsche raus. Wer der armen Shireen auch nur eine einzige Träne nachweint, ist noch nicht masochistisch genug, um Game of Thrones wahrhaft genießen zu können.

Zur Belohnung lassen die Serienmacher, Götter, die sie sind, dann wie in einer echten griechischen Tragödie einen Deus ex machina von ihrem Special-Effects-Bühnenhimmel in Meereen einschweben: Der Drache Drogon ist plötzlich wieder da, Blitzkatharsis! Er kommt wie gerufen, obwohl ja nicht mal ein Ruf seiner Mutter Daenerys nötig war, scheinbar kommuniziert man in der Drachenfamilie telepathisch. Drogon rettet die Mama aus der Gladiatorenarena vor den Aufständischen der Sons of the Harpy, die sie und ihr Gefolge umzingelt haben. Statt von den Speeren ihrer vermummten Widersacher aufgespießt zu werden, entschwebt die Daenerys auf dem Rücken ihres durchaus hässlichen geflügelten Drachenkindes und lässt die ihren zurück – darunter den nun augenscheinlich rehabilitierten Jorah Mormont und den ebenso augenscheinlich zum Drachenmutterglauben konvertierten Zyniker-Zwerg Tyrion Lannister. Wie die sich vor den verbliebenen Aufständischen retten, wird die nächste Folge zeigen (oder auch nicht, das weiß man bei Game of Thrones ja nie).

Erst mal schauen Tyrion, Jorah und die anderen Tapferen nur sprachlos ihrer fortfliegenden Königin hinterher, so sprachlos, wie man nach dieser Folge auch als Zuschauer sein könnte: Wie billig ist das denn, mal kurz einen Drachen einfliegen zu lassen! Gemessen auch an der grausamen Konsequenz, mit der zuvor Shireen unbarmherzig aus der Serie geschrieben wurde – in der literarischen Vorlage des Bücherzyklus Das Lied von Eis und Feuer ist Shireen noch quicklebendig.

Auch Goethe hätte da keinen unmittelbaren Trost gewusst. So spricht die Iphigenie, die es bei ihm wenigstens auf Tauris geschafft hat:

 "Allein die Tränen, die unendlichen,
Der überbliebnen, der verlaßnen Frau
Zählt keine Nachwelt, und der Dichter schweigt
Von tausend durchgeweinten Tag' und Nächten."

Schnief.