Der Zauber des Klassikers

Schwarz leuchteten die Pupillen, rot die Augäpfel, kalkweiß das schmale aristokratische Gesicht, als Christopher Lee als Dracula die Szene betrat. Er war der erste transsilvanische Blutsauger in Farbe, der erste mit wölfischen Fangzähnen. Bela Lugosi, Hollywoods Dracula der 1930er Jahre, rühmte den Briten als seinen würdigen Nachfolger.

Sieben Mal verkörperte Christopher Lee den eleganten Verführer-Vampir in B-Movies der legendären Londoner Hammer Film Productions. Die Spezialisten für spleenige Schundfilme hatten ihn 1957 unter Vertrag genommen, als während des Kalten Krieges das Gruselgeschäft blühte. Nach zahllosen kleinen Rollen ging für den Mittdreißiger endlich der Stern einer einzigartigen Karriere auf. An der Seite seines Freundes Peter Cushing entdeckte er seine Begabung für die Tonlage des Fantasy-, Horror- und Thrillergenres.


Ganz gleich, in welches Schocker-Kostüm der hagere Zwei-Meter-Mann schlüpfte, sein exzentrischer Ernst setzte Maßstäbe: Als Frankenstein-Kreatur, Rächer-Mumie und durstiger Dracula erlaubte er sich archaisches Pathos ohne psychologischen Hintergrund. Christopher Lees Monster und Schurken waren Ikonen des Bösen schlechthin, Wiedergänger schauriger Mythen, große Oper, die er mit melodiöser Bass-Stimme und elegantem Timing zu Klassikern veredelte.

In The Wicker Man gab er einen zwielichtigen Inselgrafen, der die heidnischen Menschenopfer seiner Dörfler insgeheim anstachelte und vor der Polizei deckte. In Der Mann mit dem goldenen Colt gierte er als James Bonds düsterer Gegenspieler Scaramanga nach der Schlüsseltechnologie zu Beherrschung der Welt. Anders als Bela Lugosi steigerte sich der Schauspieler Christopher Lee noch ein paar Mal, nachdem er das Dracula-Kostüm abgelegt hatte.

Gelegentlich streute er Auftritte als Edgar-Wallace-Polizist, Comedy-Vampir oder Pharao des Alten Testaments ein, doch sein eigentliches Niveau erreichte er in seinen Rollen als Finsterling: Hier repräsentierte er das Faszinosum des Irrationalen, die Kehrseite der Logik pädagogischen Konfliktmanagements.

Wie der amerikanische B-Movie-Genius Vincent Price, sein Zeitgenosse, Kollege und Bruder im Geiste, beherrschte Lee das Fach der schwarzen Romantik, das im populären Kino als Projektionsfläche für die Angst vor anonymen Mächten funktioniert. Dracula, schrieb der Grusel-Experte Eric Nuzum, sei ein zeittypischer Katalysator für die Albträume der Nachkriegsära gewesen.

Fantasy-Regisseure wie Peter Jackson, George Lucas und Tim Burton sind mit Christopher Lees ikonischen Rollen aufgewachsen. Bis ins hohe Alter haben sie ihm immer wieder Gastrollen angeboten. Der bizarre Zauber typischer Christopher-Lee-Figuren schien immer wieder aufzuerstehen, auch oder gerade wenn sie durch Explosionen, Feuersbrünste, zusammenbrechende Häuser oder zerberstende Eisschollen pittoresk zugrunde gingen. Christopher Lees Leinwand-Existenz war ein Spektakel, in dem das Böse durch wollüstig zelebrierte symbolische Tode aus der Welt geschafft wird.

Hellwach in sieben Sprachen

1922 in London als Spross eines britischen Offiziers und einer kosmopolitischen Gräfin geboren, schien Christopher Lee das Kino nicht in die Wiege gelegt. Nach der Scheidung der Eltern 1929, wuchs er mit seiner älteren Schwester ohne den Vater Geoffrey Trollope Lee auf, der im Burenkrieg und im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte. Gräfin Estelle Carandini di Sarzano, die musische Mutter, sorgte für eine standesgemäße Erziehung, die auch seine Ausbildung zum Opernsänger einschloss. Das Geschlecht der Carandiri führte seine Wurzeln auf Karl den Großen zurück, auch Christopher Lee hat nie einen Hehl aus seiner Liebe zum höfischen Brimborium gemacht. Seine eigene Produktionsfirma benannte er nach Charlemagne.

Im Zweiten Weltkrieg diente er in einer Nachrichteneinheit der Royal Air Force, nach Kriegsende entschied sich der 23-Jährige für die Rank Film Studios in London und nahm jede Chance als Darsteller im britischen Film- und Fernsehgeschäft wahr, bis Dracula kam und seinen Ruhm begründete. Um die 260 Mal stand er in kleinen und großen Rollen vor der Kamera. Sein Lieblingsfilm Jinnah, in dem er 1998 den Gegenspieler von Mahatma Ghandi und Gründer Pakistans, Ali Muhammad Jinnah, verkörperte, kam zu seinem Leidwesen nie in westliche Kinos.

Nach der Jahrtausendwende stieg Christopher Lee in George Lucas' Star Wars – Angriff der Klonkrieger ins dunkle Gewand des bösen Dooku, spielte in Peter Jacksons Herr der Ringe- und Hobbit-Filmen den abtrünnigen weißen Zauberer Saruman, absolvierte mit weisem Understatement fünf kleine Hommage-Parts in den exzentrischen Preziosen seines Freundes Tim Burton und nahm unermüdlich weitere Kurzauftritte wahr, sofern sie im Stehen oder Sitzen zu bewältigen waren.

Hellwach ließ sich der alte Herr bei Festivals auf Konversation in einer der sieben Sprachen ein, die er beherrschte, genoss die Auszeichnungen für sein Lebenswerk und seinen Ritterschlag durch die englische Königin. Von seinem elegant designten Londoner Haus aus, wo er seit 1961 mit seiner Frau, dem dänischen Ex-Model Birgit Kroencke residierte, sandte er jedes Jahr Videobotschaften an seine Fans.

Und dann, als er alles gespielt, gewonnen, gesehen hatte, nahm er im Alter ein symphonisches Metal-Album über Karl den Großen auf. Mit breitem Streichersound wummerten Gitarren da zum Donnerhall seiner Stimme. Am Ende seiner langen Karriere verkündete sein Bass das Ende des Schlachtengetümmels, endlich ein Happy End.