Manche Kindheitsbilder verblassen nie. Die erste Wunderkerze zum Beispiel, wie sie der Absolute Gigant Floyd so herzzerreißend fürs deutsche Kino beschrieb. Schokoriegel, Schultüte, Sommerferien und ähnlich persönliche Endorphinfluten frühester Prägung. Überhaupt alles, was außergewöhnlich blinkte, brannte, schmeckte, aussah, vorfiel, schön war, schrecklich war in unser aller Erinnerungsfrühphase wie nichts zuvor, wie nichts danach – wie er, der all dies in einer einzigen Person zu vereinen schien, als sei sie ein einziges präriebuntes Kindheitsbilderalbum.

Winnetou.

Kaum jemand jenseits der 40 zwischen Ijsselmeer und Niederlausitz ist wohl so ganz ohne den edlen Wilden aus Karl Mays realitätsferner Fantasiewelt aufgewachsen. Wie er Horst Wendtlands wohlstandswunderbräsige Zuckergusswestern der frühen sechziger Jahre auf Iltschi durchritt, würdevoll und gravitätisch, stolz wie eine Eiche in Mays sächsischer Heimat, situationsbedingt bisweilen brutal, aber nur zu denen, die es auch echt verdient haben: Rattler, Rollins, Santer. Zu den Besseren hingegen, gern mit Old vor der sprechenden Anrede, war er grundsätzlich von erhabener Milde. Ein gerechter Fels in der Brandung zivilisatorischer Umbrüche, unbeirrbar, unvergleichlich, unsterblich. Unsterblich? Winnetou ist seit heute tot!

Das Leben von Winnetou in Bildern. Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu starten! © dpa

Obwohl, eigentlich – rein kinematografisch – ist er das ja bereits seit 1965. Im dritten Teil der Trilogie seines Namens war er gestorben, sechs Filme nach dem Debüt beim Schatz im Silbersee, erschossen vom Bösewicht, verbrannt unterm ewigen Jagdgrund der Apachen, jesusgleich wiederauferstanden für vier weitere Filme mit dem Indianerhäuptling. Ein Untoter, trotz allem. Was ihn nun grundlegend von seinem Darsteller unterscheidet. Denn so sehr Pierre Brice mit dem berühmten Ölprinz-Besieger identifiziert wurde, so deckungsgleich beide waren im kollektiven Gedächtnis der Film- und Fernsehnation – nicht tot zu kriegen war nur seine allergrößte Rolle. Der Schauspieler war es durchaus, weshalb gestern eben doch nicht abermals Winnetou gestorben ist, sondern Pierre Louis Baron de Bris.

Wobei viele kurz stutzen dürften bei dieser Meldung, bevor es ihnen Tränen nostalgischer Rührung in die Augen treibt. Denn die vergangenen 30 seiner 86 Jahre auf Erden trat das frühere Model allenfalls in den vielen Tausend Wiederholungen auf allen öffentlich-rechtlichen Kanälen in Erscheinung. Nach seinem letzten Auftritt als Winnetou hatte er es zwar kurz mal an die Seite von Sophia Loren und Marcello Mastroianni ins respektable Kino geschafft, ein paar Schmusesongs vertont, etwas Kunstkino gemacht. Ansonsten aber versilberte er sein Image des vornehmen Apachen im deutschen Fernsehen, heuerte auf dem Traumschiff an, checkte im Schloß am Wörthersee ein, adelte Romanzen jeder Art des Erbfeinds bis tief ins neue Jahrtausend hinein mit seinem französischen Akzent und war doch nie ein anderer als er sein Alter Ego.

Der Kampf ist beendet

Und vielleicht wollte er das womöglich auch gar nicht sein, weil man ihn ohnehin nicht ließ im Schubladenstaat Deutschland, wo kein Serienbösewicht je den Romeo spielen darf und kein weißer Held den dunklen Tybald. Also spielte Brice weiter Winnetou, immer und immer wieder. Sogar live zu Pferde, als Star der Segeberger Karl-May-Spiele, wo er noch mit 62 über den Kalkberg ritt und bitterlich weinte, als die Kulisse Ende der Neunziger lichterloh brannte, was belegt: Sein zweites Ich war nicht bloß Rolle, es war Teil von ihm, so wie es Teil von uns ist, uns allen.

Ein Kämpfer für das Gute, den schon der Teenager pflegte, als er für die Résistance Nachrichten durch feindliche Wehrmachtsreihen schmuggelte und Verschüttete aus seiner bombardierten Pariser Heimat barg. Oder eben für das, was der konservative Bundesverdienstkreuzträger für gut hielt, als er in Algerien und Indochina für sein Vaterland, also das erste, kämpfte. Jetzt ist der Kampf beendet. Nahe Paris ist Pierre Brice an einer Lungenentzündung gestorben, mit 86 Jahren. Die Welt aber, besonders jene deutscher Zunge, wird ihn wohl ewig in Erinnerung behalten. Als den Mann, der nicht nur Millionen von Kindheiten prägte, sondern das Bild des Wilden Westens insgesamt. Der mehr als jeder Hollywoodstreifen zeigte, dass vermeintlich Wilde vielleicht doch gar nicht so böse waren wie im Genre jener Tage üblich. Der eine Kunstwelt des Clash of Civilizations belebte, die der Realität somit näher war als das Feuilleton glauben mag. Der nicht nur deshalb unsterblich ist. Zumindest mit Silberbüchse in der Hand. Die ewigen Jagdgründe haben einen neuen Stargast.