Es gibt da diesen leise irritierenden Moment: Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und Constanze Herrmann (Barbara Auer) ermitteln in einem Mordfall, er verhört einen Verdächtigen, sie schaut nebenan über einen Monitor zu, und plötzlich dreht er sich um und schaut ihr über die Überwachungskamera direkt in die Augen: ein Verhör als Liebesgeschichte, und zwar nicht nur zwischen den beiden Ermittlern, sondern zugleich auch zwischen dem mutmaßlichen Täter und dem Kommissar.

Es geht um die Lust, angeschaut zu werden, um Verführung und Manipulation: "Das Verhör ist dem Kino eingeschrieben," sagt Christian Petzold, "das gibt es so in keinem anderen Medium. Nur die Kamera kann diesen Ort des Verhörs wirklich begreifen, weil sie diesen Raum zwischen zwei Menschen auflädt, der aus Angst, Verführung, Manipulation besteht. Den Gegenschuss hat das Kino für die Liebe und für das Verhör erfunden. Da geht es immer um Menschen, die durch all ihre Enttäuschungen und Beschädigungen eine Lederhaut entwickelt haben. Sie wollen sich gar nicht mehr öffnen, aber weil sie sich in diesen Situationen aneinander schaben, reißt wieder etwas auf. Es entstehen Freundschaften, Loyalitäten, Zuneigungen, darum geht es in diesem Film."                                                  

Nach den beiden historischen Filmen Barbara und Phoenix, die in der DDR und im Nachkriegsdeutschland spielten, genießt Christian Petzold in diesem Polizeiruf die Freiheiten der Gegenwart, in der man nicht alles rekonstruieren und nachstellen muss. Zum ersten Mal fügt er sich dabei ins serielle Erzählen ein, in das System des Polizeiruf 110, der das DDR-Pendant des Tatorts gewesen ist und den Sprung in die Nachwendezeit erfolgreich genommen hat.

Der stille, ein wenig spröde Kommissar Hanns von Meuffels, den Matthias Brandt in der Münchner Version der Serie seit 2011 spielt, gefiel Petzold ausgesprochen gut: "Ich hatte ihn in den Polizeirufen von Dominik Graf gesehen und in einem von Jan Bonny und  dachte mir: 'Das ist eine tolle Figur, so wie ich mir das vorstelle. Keiner dieser menschelnden Kommissare wie Heinz Rühmann. Das hat viel mehr mit der Einsamkeit von Erik Ode zu tun.'"

Von Meuffels ist einer, der sich weniger an den Schablonen der Polizeischule orientiert als an den Phantasien der Literatur und des Kinos. Mit der Art, wie er bei Petzold im Verhör mäandert, wie er den Gesprächspartner mit scheinbar Nebensächlichem einlullt, um dann unvermittelt hart durchzugreifen, erinnert ein wenig an Peter Falks Columbo. Und wenn er die Zeugen härter rannimmt als die Verdächtigen, dann liegt das daran, dass ihm die Denunziations- und Verleumdungsmentalität der braven Provinzkleinstadtbürger ein Graus ist. Eduard Zimmermanns Aktenzeichen XY ungelöst, in der die Nation seit 1967 zum Spitzeln aufgerufen wird, hasst er vermutlich genauso wie Christian Petzold.