Es gab eine Zeit, da waren TV-Protagonisten gute Menschen, die mit guten Mitteln Gutes erreichen wollten. Der Kommissar, der den Bösen jagt, der Rettungsschwimmer, der Notaufnahmearzt. Schon von Berufswegen waren sie Helfertypen. Manchmal waren ihre Mittel umstritten, da wurde sich dann ohne Durchsuchungsbefehl im Garten des Verdächtigen umgesehen, da bekam der Böse vielleicht sogar ein blaues Auge. Aber die Typen waren sympathisch und kämpften für das Gute.

Dann wurden sie brüchig: Sie wollten noch immer das Richtige, waren aber fieser, wie Dr. House, der Spezialist für die Diagnostik lebensgefährlicher Krankheiten, ein Misanthrop, der den Menschen hilft. Die Hauptcharaktere wurden vielschichtiger, ambivalenter, sie hatten umstrittene Hobbys oder waren drogensüchtig.

Inzwischen gehen die Autoren noch einen Schritt weiter. Nicht nur die Mittel, nicht nur die Vorbildfunktion, auch die Ziele der Serienprotagonisten werden infrage gestellt. Die Formel ist einfach: Ein ganz normaler Typ versucht es erst im Guten. Doch dann widerfährt ihm ein Unheil. Von da an hat der Protagonist nur noch ein großes Ziel. Um dieses zu erreichen, trifft er jedoch eine falsche Entscheidung. Er kommt in Kontakt mit gefährlichen Menschen, in der Folge muss er Dinge tun, die er vorher nie getan hätte. Er gerät in eine Abwärtsspirale, aus der er nicht mehr herauskommt. Viele der großen Serien der vergangenen Jahre beruhen auf diesem Schema.

Vier Beispiele:

Breaking Bad: Walter White versucht es erst im Guten als Chemielehrer. Doch dann wird bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Von da an will er nur noch: Finanziell für seine Familie vorsorgen. Er fängt an, Crystal Meth herzustellen, kommt in Kontakt mit kriminellen Drogendealern, in der Folge muss er lügen und töten.

Homeland: Nicholas Brody versucht es erst im Guten als Soldat im Irak. Doch dann stirbt bei einem amerikanischen Drohnenangriff ein Kind in seinen Armen. Von da an will er nur noch: Gerechtigkeit. Und begeht den Fehler, Terrorist zu werden. Er kommt in Kontakt mit islamistischen Terrorzellen, in der Folge muss er lügen und töten.

Fargo: Lester Nygaard versucht es erst im Guten als treuer Ehemann. Doch dann wird er von seiner Frau gehänselt und verachtet. Von da an will er nur noch: Seine Ruhe. Und begeht den Fehler, seine Frau im Affekt zu töten. Er kommt in Kontakt mit einem Auftragskiller, in der Folge muss er lügen und töten.

Better Call Saul: Jimmy McGill versucht es erst im Guten als Anwalt. Doch dann wird er von niemandem ernst genommen und sogar vom eigenen Bruder verlacht. Von da an will er nur noch: Erfolg. Und begeht den Fehler, krumme Dinger zu drehen. Er kommt in Kontakt mit Kriminellen, in der Folge muss er lügen und das Gesetz brechen.

In vielem entspricht dieser neue Typus des TV-Protagonisten dem klassischen Helden der Tragödie, wie ihn Aristoteles in seiner Poetik definiert: Eine gute Tragödie soll eleos und phobos auslösen, schreibt Aristoteles. Mitleid und Furcht. Und das Publikum leidet mit dem, der sein Unglück nicht verdient. Es schaudert, wenn es erkennt, dass es jeden treffen könnte.