Dauerfernsehsendung. Das steht da seit Jahren oben links, wenn TV Total läuft und Stefan Raab, begleitet von seiner Band, das Studio betritt. Vor Jahren, das weiß man noch dunkel, ist er immer das Treppengeländer runtergerutscht, stand dann mit aufgeknöpften Hemdmanschetten vor dem Publikum, das auf die erste Zote wartete, die erste dompteurhafte Geste danach, auf das hämische Grinsen der Nation. Da war er gerade 1999 vom Fernsehsender Viva gekommen, da hatte er in einem viel kleineren Studio gesessen, das aussah wie ein explodierter Geburtstagskuchen. Darin hatte er Leute wie Hans Meiser und Falco auf Gummikakteen gesetzt und ihnen etwas vorgespielt mit seiner Ukulele, während ein ausgewählter Zuschauer ihnen aus einem umplüschten Loch zugucken musste. Oder Raab ist auf die Straße gegangen und hat Leuten blöde Fragen gestellt, die oft noch blöder geantwortet haben, und das war ein Stück Musikfernsehanarchie, das kannte man in Deutschland nicht.

Und jene die ihn bei Viva lustig fanden, weil er diese schrägen Hosen und Brillen trug und Karel Gott auf alberne Weise verblüffend ernstnehmen konnte, sahen dann, wie Raab auf dem Privatsender Pro7 plötzlich Late-Night machte, und eigentlich, leider, viel von dieser hyperaktiven Entgrenztheit verschwunden war. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sein Publikum älter wurde, oder daran, dass Raab plötzlich eine volkstümliche Version von Harald Schmidt spielte, der auf einem anderen Sender lief. Ohne dessen vornehmen Zynismus und die erregte Theatralik, sondern meistens nur mit einer Attitüde, die manche als "herrlich politisch inkorrekt" bejubeln, wenn ihnen nichts Besseres einfällt. Für andere ist es schlicht öde. "Dauerfernsehsendung" wirkte spätestens als Raab schon lange nicht mehr auf dem Geländer rutschte, sondern die Treppe nahm, nicht wie Selbstironie, sondern wie eine Drohung. Und man hätte nicht geglaubt, dass das irgendwann aufhört.

Aber jetzt hat Stefan Raab verkündet, sich aus dem Fernsehen komplett zurück zu ziehen. Und nun, da es soweit ist: Ist das eine gute Nachricht? Wenn ja, dann gilt das zumindest für TV Total.

Schaulustigenhumor eines Jedermanns

Dort übernahm Raab die Rolle des Mannes, der als Berichterstatter aus der Fernsehwelt zu uns kommt und vom Ungeschick erzählt oder von einem anderen zur Schadenfreude freigegebenen Ereignis, das er dort entdeckt hat. "Dann hab ich auf Sat.1 was gesehen...", so beginnt ein typischer Satz. Und es folgt ein Versprecher oder eine Sendepanne, eine zu hohe Stimme eines Bauersuchtfraukandidaten, eine unbedarfte Interviewauskunft oder eine falsche Quizantwort, die Raab mit zufriedenem Glucksen der Meute überlässt, damit diese sich aus dem unbequemen Gefühl herauslacht, dass die Peinlichkeit auch ihnen hätte passieren können. Der Schaulustigenhumor eines Jedermanns. Das Beste an dieser Sendung war noch seine mit Bildausschnitten belegte Effektorgel.

Wenn man in Politiktalkshows zu spüren bekommt, was der Unterschied zwischen Reden und Talken ist, kann man bei Stefan Raab sehen, wo die Grenze zwischen Witz und Gag verläuft. Auf der Seite des Gags steht zuverlässig er, die Hände oft in den Taschen, als suchte er dort nach dem nächsten Brüller, der nächsten Frechheit, die anderen schlimmstenfalls herausrutscht. Die besten werden zu Running-Gags, zu wiederkehrenden Zitaten aus dem Fernsehen, die zum Stilprinzip von TV Total gehören, Sendung für Sendung aufgegriffen werden, gewissermaßen als die tiefergelegten Vorläufer von Internetmemes. Um manche komponierte er sogar Lieder wie Maschen-Draht-Zaun oder Gebt das Hanf frei!, die weit oben in den Charts landeten – jedenfalls häufig vor den Songs jener, die der hochbegabte Musiker Raab in seine Sendung lud. Jeder Sangesversuch einer aus den Prominenzmanufakturen der Castingshows entlaufenen Kandidaten, jeder mittelmäßige Film, jeder Gast überhaupt: alles "sensationell" und "wow", Vokabeln des superlativen, hysterischen Desinteresses. Es ist schwer zu sagen, ob Raab die D- bis Y-Berühmtheiten, denen der Boulevard irgendwann Berufe wie "Schmuckdesignerin" oder "Moderator" andichtet, wirklich nur belustigend findet oder nicht doch so verachtet, wie man es als Beobachter seiner Late-Night-Show zuweilen vermuten konnte. Sein eigenes Leben wusste er jedenfalls streng vor den Medien zu verbergen.