Österreich wird man außerhalb der Landesgrenzen wohl nie vollends begreifen. Sitten und Gebräuche, das zeigt auch der neueste Tatort aus Wien, sind zu verstiegen und auch zu nostalgisch, um etwa uns Deutschen ganz verständlich zu sein. Zäh halten sich die absurdesten Idiome und Manieren.

Merkwürdige Titel, die hierzulande allenfalls akademische Relevanz haben, etwa der Magister, haften ja sogar der Chemieunternehmerin Sabrina Wendler an.

In ihrem Chemieunternehmen übrigens hat Loyalität noch Gewicht, sie reicht vom Gärtner bis zur Chefsekretärin, als sei der Kapitalismus nur ein Stolperstein auf dem Weg zurück zur alten Ständegesellschaft.

Kein Wunder, dass in einem so wertekonservativen System Dynastien existieren wie die der Wendlers. Ihr Unternehmen ist ein Familienkonzern klassischer Prägung mit tropischer Bürotäfelung und Dienstboten ähnlicher Herkunft.

Zudem mit Klassendünkel und mit gefallenen Familienmitgliedern, die selbst in der Geschlossenen stets Haltung bewahren.

Neben aller Tugendhaftigkeit eint solche Traditionskapitalisten mit managementgeführten Shareholderkapitalisten allerdings noch etwas. Kommissarin Bibi Fellner interpretiert es in feinstem Wiener Schmäh:

Und dieser Hund sorgt dafür, dass auch angeblich ehrbare Händler billige Schutzkleidung verscherbeln, die das erste Opfer nicht vor ätzenden Chemikalien bewahren kann.

Doch als Bibi und Moritz overdressed die Ermittlung dieses vermeintlich gewöhnlichen Arbeitsunfalls um das fatal underdresste Opfer beginnen …,

... erweist sich etwas anderes als noch viel ätzender: Das süße Gift der Rache, das sich ins Herz des Gatten frisst. Seine Frau (die mit dem Magister) hat ihn wegen profitmindernder Ökoideen in den Knast befördert, weshalb sie nun Ziel einer ausgefeimten Intrige wird. So sind sie halt, Österreichs Aristokraten, ob mit oder ohne blaues Blut. Doch damit die Tradition nicht überhandnimmt, hat Robert Dornhelm seinem ersten Tatort einen seltsamen Dröhnsound verpasst.

Vor allem aber nervige Split Screens in Reihe.

Sonst wär's wohl auch zu viel der Tradition gewesen. Selbst in Österreich.