Früher glaubte man: Zu viel Fernsehen macht dumm. Heute weiß man: Nicht genug Fernsehen kann einen zumindest dumm aussehen lassen. In beinahe allen aktuell gefeierten TV-Serien wimmelt es vor makelbehafteten Helden, Nebendarstellern und -schauplätzen, Flashbacks, Vorahnungen, allegorisch aufgeladenen Feinheiten und guter alter roher Gewalt. Game Of Thrones vereint all diese Eigenschaften auf sich, deshalb gilt die Serie als can’t miss TV. Das ist als Lob gemeint, klingt aber auch wie eine Drohung.

In dieser auf Hochleistung gepolten Serienlandschaft tun sich Marktlücken für weniger kopflastige Unterhaltung auf. Eine davon besetzt seit dem Frühjahr das Musikdrama Empire, dessen erste Staffel nun auch im deutschen Fernsehen auf Pro Sieben debütiert. In den USA ist der Serie ein rekordverdächtiger Start gelungen: Jede neue Folge übertraf die Einschaltquote der Vorwoche, das hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Dabei ist die Serie eher einfach gestrickt: Statt den Gepflogenheiten des modernen Erzählfernsehens zu folgen, positioniert sich Empire als Rap-Variante des Denver Clans.

Schon die Ausgangslage deutet auf eine Seifenoper von Format hin: Lucious Lyon (Terrence Howard), ehemaliger Drogendealer und heutiger Chef des Black-Music-Konzerns Empire, muss die Zukunft der Firma regeln, bevor ihn eine unheilbare Nervenkrankheit dahinraffen wird. Keiner seiner drei Söhne taugt dem Patriarchen jedoch zum Nachfolger. Der älteste ist geschäftstüchtig, aber unmusikalisch. Der mittlere ist musikalisch, aber schwul. Der jüngste ist eine rappende Hohlbirne. Lyons Lösung: Er zettelt einen offenen Konkurrenzkampf an.

Empire ergänzt diese Geschichte um die klassischen Insignien des leichten Eventfernsehens: Ehegelübde und -brüche, Überraschungsbabys, hinterhältige Strippenzieherei, ein Mordfall. Und mit dem Auftritt von Lucious Lyons Ex-Frau nimmt die Serie dann wirklich Fahrt auf: Cookie Lyon (Taraji P. Henson) wird nach 17 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Sie hatte für einen geplatzten Drogendeal den Kopf hingehalten und pocht nun auf ihren Anteil am Unternehmen der Familie.

Die Gegenspielerin von Lucious Lyon, den Howard als rappenden Geschäftemacher zwischen Sean "Puff Daddy" Combs und dem großen Gatsby anlegt, entpuppt sich als pures Seriengold. Hochhackig und hitzköpfig stelzt sie durch die ersten Empire-Folgen, als wäre sie nicht dem Knast entkommen, sondern dem Reality-TV der Real Housewives. Mit großen Worten erkämpft sie sich Einfluss, einmal auch mit einem großen Besen. Eine Fernsehmama für die Ewigkeit von Amerikas nächster großer Seifenoper.


Noch will das nicht jeder wahrhaben. Die US-Kritik verfolgte Empire eher argwöhnisch, oft war von einem guilty pleasure die Rede, einem süßen Laster. Tatsächlich sind die Showerfinder Lee Daniels und Danny Strong (Precious, Der Butler) hoffnungslos verliebt in den Hochglanzlook ihrer Serie: die passgenauen Rap- und R-’n’-B-Parodien des musikalischen Serienaufsehers Timbaland, die grotesken Namen, Outfits und Motive der Charaktere und die übergeschnappten Performances der zugehörigen Schauspieler. Manchmal erscheint Empire wie eine achtstündige Version des Bound 2-Videos von Kanye West und Kim Kardashian.


Es ist aber mehr: eine afroamerikanische Familiensaga aus den Reihen der oberen Zehntausend, in der es nicht um Möglichkeiten des gesellschaftlichen Aufstiegs geht, sondern um Machterhalt. Lucious Lyon mag ein milliardenschwerer Rap-Mogul sein. In den Augen des weißen Unterhaltungsestablishments ist er stets Emporkömmling und Gangster geblieben. Seine Plattenfirma hat er deshalb weitgehend schwarz besetzt, vom engsten Berater über die Talentscouts bis zum Sicherheitschef und der persönlichen Assistentin.

Lyon glaubt nicht daran, dass es in Amerika jeder zu etwas bringen kann. Er glaubt, dass jeder hinter seinem Empire her ist. Deshalb betreibt er eine unversöhnliche Firmenpolitik, in der das Misstrauen vieler Afroamerikaner gegenüber der Klassengesellschaft ihres Heimatlandes aufscheint. Auch ohne Polizeigewalt und racial profiling gelingt Empire damit ein kämpferischer Kommentar zum gegenwärtigen Verhältnis zwischen dem schwarzen und dem weißen Amerika. Man muss davon ausgehen, dass diese Seifenoper längst nicht so dumm ist, wie sie aussieht.

"Empire" läuft mittwochs um 20.15 Uhr auf ProSieben.