Das schlimmste Wort aus 70 Jahren Fernsehgeschichte hat keine gute deutsche Übersetzung: procedural. Wenn Ermittler ermitteln, Ärzte verarzten, Beschäftigte ihrer immer gleichen Beschäftigung nachgehen und Fälle abhaken, im schlimmsten Fall immer ein bis zwei pro Woche, im selben Muster, 10 Jahre lang. Die jungen Ärzte, Pathologin mit Profil. Schema F.

Seit Polizeirevier Hill Street (1981) und Emergency Room (1994) werden solche wöchentlichen Krimis und Berufswelten mutiger, persönlicher, raffinierter. In ihrer schieren Ballung aber entsteht ein freudloses, beschränktes Einerlei: Fast alle großen einstündigen Reihen sind procedurals. Jede kämpft auf ihre Art mit dem Korsett, will Abläufe und Erwartungen durchbrechen, oder Vorgaben des Senders lockern. Doch jeder Ermittler zählt erst einmal als Ermittler. Jeder Politiker als Politiker. Sogar Vampire, Serienmörder, Superhelden erfüllen jede Woche ihre Aufgabe. Menschen, so erzählen es diese Serien, sind, was sie tun. Was tun sie? Immer dasselbe.

Fast 20 Jahre lang führte Verbotene Liebe unter bis zu 25 Hauptrollen keinen einzigen Polizisten. Die vielen Ärzte waren oft schwul, nahmen Drogen, knutschten ihre Mitbewohner – und zählten als Menschen, nicht als Funktionen. 4.664 Episoden, erst 25, dann mehr als 40 Minuten lang, erst täglich, dann für 15 allerletzte nur noch freitags, zeigte Verbotene Liebe etwas, das in fast jeder anderen Serie zweit- oder drittrangig bleibt: Menschen. Statt Leistungsträger.

Mit Jan und Julia fing es 1995 an

1995 stößt der Fitnesstrainer Jan Brandner am Düsseldorfer Flughafen mit Julia von Anstetten zusammen. Der Bürgerliche und die pflichtbewusste Gräfin verlieben sich – ohne zu wissen, dass sie Zwillinge sind, nach der Geburt getrennt. Sophie war Prostituierte, übernimmt eine Kneipe mit Pension und ein Jahr später ein internationales Musiklabel, mit Anfang 20. Cécile war Jockey, führt ein Gestüt, aber wechselt ins gräfliche Auktionshaus. Kim wollte ein Modelabel leiten – doch jetzt erklärt ihr Jannik, was Börsen- und Termingeschäfte sexy macht. Viel wichtiger dabei: Ist Jannik Kims Halbbruder? Und bringt er ihre Ehe mit Emilio in Gefahr?

Verbotene Liebe wirkt oft borniert, reaktionär: Champagnerflöten, ein Schloss mit Butler, überzeichnete Setzkasten-Machiavellis wie Ansgar (Typ: Karl-Theodor zu Guttenberg), Tanja (Typ: junge Mutti bei den Slytherins) oder Clarissa (Typ: Schneewittchens Königin) als unterhaltsamste, doch meist recht plumpe Figuren. Bitterböse Grafen. Feenhafte Frauen, Schmalzlocken-Prinzen, Vorabend-Kitsch. In beinahe jeder Folge gab es – oft: packende, sorgfältig erzählte – lesbische, schwule, queere Liebesgeschichten, 20 Jahre lang. Doch viele Rollenmodelle, Geschlechterbilder bleiben trotzdem staubig, einfallslos, enttäuschend bieder.