Das Fernsehen zeigt das Landleben gern als Hort heiterer Betulichkeit: Nach den traumschiffflüchtigen achtziger, den technoiden neunziger und den krisenhaften nuller Jahren wird die Provinz heute zur Comedybühne. Landflucht, Überalterung, Bauernhofsterben? Alles allenfalls am Rande relevant. Im Unterhaltungsprogramm wird jenseits der Speckgürtel schenkelgeklopft und geschunkelt, dass sich die Scheunenbalken biegen.

Zum Beispiel in Oberbreitbach, dem neuesten Spielort dörflicher Sorglosigkeit, in dem die ARD ab heute freitags vor der düsteren Tagesschau eine Extraportion Sonne durchs Idyll jagt, als herrsche im Bergischen fortwährender Sommer. Mittendrin: Cordula Stratmann. In Die Kuhflüsterin spielt sie acht Folgen lang ein Landei aus dem Klischeekatalog: Sie ist Tierheilpraktikerin, Klatschtante, Gartenzaunwacht, leicht esoterisch, sehr bodenständig und liegt im Clinch mit dem urbanen Nachbarn (Simon Böer), der sich als kerniger Polizist entpuppt.

Solche Gegensatzpaare im gemütlichen Umfeld ziehen im Stromlinienfernsehen. Fragt sich nur, warum es die ARD ausgerechnet mit der überzeugten Wahlkölnerin besetzt, die bei "Landleben" bloß an drei Dinge denkt: "Urlaub, Kindheit, Langeweile, wegen der man mich in den Schulferien gar nicht aus Düsseldorf hätte rausholen müssen". 

Trotzdem taucht sie schon zwei Wochen später abermals in einem ländlichen Setting auf: In Ellerbeck, einem fiktiven Ort im tiefsten Emsland, spielt sie fürs ZDF eine umweltbewusste Erzieherin, die den Kindergarten unverhofft gegen das Bürgermeisteramt der 15.000-Seelen-Gemeinde tauscht. Selbst in der Rolle wirkt Stratmann, die jahrelang als Sozialarbeiterin gearbeitet hat, keinesfalls deplatziert. Was weniger an den Geschichten selbst liegt. Es liegt allein an Cordula Stratmann.

Seit ihre hyperbürgerliche Kunstfigur Annemie Hülchrath vor zwei Jahrzehnten von rheinischen Kleinbühnen aus die großen Sender eroberte, hat sich Stratmann als Ausnahmeerscheinung in der Spaßindustrie erwiesen. Abgesehen vielleicht von Annette Frier gelingt keiner anderen Darstellerin die Mischung aus Authentizität und Übersteuerung, kalauernder Comedy und feiner Realsatire so wir ihr. "Weil ich eher Geschichtenerzählerin als Pointenreißerin bin, gebäre ich die Komik lieber aus alltäglichen Situationen, als dauernd die griffigste Punchline zu suchen", sagt sie selbst.

Königsdisziplin Improvisation

Schließlich sei es am lustigsten, "wenn jemand am Arschloch Alltag scheitert". Momente zumal, "wo ich am lautesten über mich selbst lache". Beobachtungsgabe, Selbstironie, Menschenliebe – drei Zutaten, die zwar nicht immer unterhaltsam sind, wie ihre satt missratene Miss Marple für Arme Ein Fall für Fingerhut vor fünf Jahren bewies, die aber eine Kunstform grundieren können, von der nur wenige was verstehen. Aber dass Cordula Stratmann eine davon ist, durfte sie ja auch in einem Subgenre schulen, das unter Kennern als Königsdisziplin ihres Fachs gilt: Improvisation.

Bis 2007 hat sie in der Schillerstraße im Kreise unverstellter Kollegen mehr oder weniger sich selbst verkörpert, damit Preise gesammelt wie Mario Barth Einparkwitze und ihr Alleinstellungsmerkmal zur Vollendung gebracht: Witze allenfalls auf eigene Kosten zu machen. Der Freude am Würdeverlust anderer hingegen kann sie wenig abgewinnen, "denn das ist Schadenfreude und da hört bei mir der Spaß auf". Bleibt die Frage, ob Ellerbeck und Kuhflüsterin in ihrer schützenfesthaften Provinzialität nicht doch genau das tun – an der Würde von rund 50 Prozent der Bewohner Deutschlands zu kratzen? "Ich finde potenziell jeden komisch, nehme aber auch jeden gleich ernst", sagt sie und fügt hinzu: "Ich habe nichts gegen Klischees einzuwenden, solange sie nicht auf Vorurteilen basieren."

Mit diesem Ansatz kehrt die rheinische Karnevalshasserin nach längerer Abstinenz also gleich doppelt zurück auf den Bildschirm. "Schöner Zufall", wie sie findet, "aber ich fand die Zeit ohne Fernsehen auch fantastisch, habe zwei Romane geschrieben, mein Kind beim Größerwerden begleitet und auch sonst genug zu tun". In den Medien, sie lacht ihr raumgreifend lautes Lachen, "herrscht ja der seltsame Glaube, wer darin nicht regelmäßig auftaucht, hört auf zu existieren". Das sei natürlich Unsinn. "Mich gibt es täglich, auch wenn mir dabei fast keiner zusieht." Jetzt sehen wieder ein paar mehr zu. Kein schlechter Zeitvertreib.

"Die Kuhflüsterin" läuft ab dem 3. Juli, immer um 18.50 Uhr in der ARD, "Ellerbeck" am 16. Juli um 22.15 Uhr auf ZDFneo und am 24. Juli um 22.30 Uhr auf ZDF.