Setpiece nennen die Amerikaner eine aufwendige, teure Actionsequenz, die viel Planung erfordert und den Zuschauer nachhaltig beeindrucken soll. Mission: Impossible – Rogue Nation, der fünfte Teil der Spielfilm-Serie mit Tom Cruise, ist so etwas wie das Hochamt des setpieces. Die einschlägigen Fanboy-Websites gerieten schon bei Erscheinen des Trailers in gemeinschaftliches Verzücken. Dort war eine Szene zu sehen, in der sich Tom Cruise an die Außenhülle eines startenden Flugzeugs klammert – und die sah nicht danach aus, als sei sie mittels Computereffekten nachgestellt worden. Cruise behauptet, er sei insgesamt sogar acht Mal mit dem Flieger abgehoben, bis die Szene perfekt im Kasten war.

Nun sind elaborierte Actionsequenzen im gegenwärtigen Hollywood-Blockbuster-Kino nicht gerade ein Alleinstellungsmerkmal. Dass diese eine schon im Vorfeld für so viel Aufsehen sorgte, zeigt aber einen Unterschied: Im Gegensatz zu den unvermeidbaren Superheldenfilmen, in denen am Rechner ganze Metropolen dem Erdboden gleichgemacht werden, unterstützen CGI-Effekte die Stunts in Mission: Impossible nur, bleiben aber selbst unsichtbar. So kehrt eine Körperlichkeit ins Kino zurück, die Hollywood ansonsten größtenteils abhandengekommen ist.

Die Geschichte von Mission: Impossible – Rogue Nation lässt sich denn auch am sinnvollsten als Abfolge von elaborierten Sequenzen erzählen, mit denen die Macher die klassischen Topoi des Actionkinos neu erzählen und gleichzeitig überbieten wollen. Es geht, wie in der TV-Serie Kobra, übernehmen Sie aus den Sechzigern, auf der die Filme basieren, um einen Kampf gegen die Zeit, die Vereitlung eines mörderischen Plans in letzter Sekunde oder den eigentlich unmöglichen Einbruch in eine Hochsicherheitseinrichtung. Was die Agenten des Geheimdienstes IMF da eigentlich jagen, sind immer klassische Hitchcocksche MacGuffins: Sie steigern die Spannung, haben aber selbst kaum Bedeutung.

Wien, Casablanca, London

In Rogue Nation ist es ein Code, der einer gleichnamigen Terrororganisation Zugang zu ungeheuren Geldsummen ermöglichen würde. Ethan Hunt (Tom Cruise) und seine Kollegen sind diesmal mehr noch als sonst auf sich allein gestellt, weil niemand an die Existenz von Rogue Nation glaubt und die CIA die Auflösung des IMF betreibt. Zunächst versucht Hunt, in der Wiener Oper einen Anschlag zu verhindern; er muss dann, um an den Code zu kommen, in einen Safe gelangen, der unter einem marokkanischen Kraftwerk liegt; er liefert sich in Casablanca eine wilde Verfolgungsjagd per Auto und Motorrad; und schließlich in London ein Katz-und-Maus-Spiel, das eine Bombe und einen Käfig aus schusssicherem Glas involviert.

Mit Christopher McQuarrie saß diesmal ein Mann auf dem Regiestuhl, der mit seinem Film The Way of the Gun seine Vorliebe für drastisches Körperkino bewies und mit dem Drehbuch zu The Usual Suspects sein Talent für delikat und intelligent strukturierte Thriller. McQuarrie lässt einige der genannten Sequenzen nun anspielungsreich funkeln, besonders die in der Wiener Oper. Während das Publikum auf der Bühne Puccinis Turandot folgt, tobt hinter den Kulissen ein Kampf der Agenten. Mehrere wollen den anwesenden österreichischen Kanzler erschießen, Hunt vorher eingreifen, und die mysteriöse Ilsa Faust (Rebecca Ferguson), deren Rolle lange ungeklärt bleibt, steht zwischen den Fronten. Die Sequenz ist nicht nur eine wunderbare Verbeugung vor Hitchcocks Der Mann, der zuviel wusste, sondern begeistert mit immer neuen Wendungen und Überraschungen.

Britischer Humor

In ihr kommt auch am stärksten ein Sinn für Humor zum Tragen, der dem ganzen Film eine Leichtigkeit gibt, die dem grüblerischen und zunehmend an seiner eigenen düsteren Biografie laborierenden James Bond gänzlich abgeht. Dieser Humor ist es, der die Mission: Impossible-Serie von einem belächelten, bekrittelten, nicht wirklich geliebten Bond-Epigonen sehr spät doch noch zum real thing werden ließ. Das hängt eng zusammen mit dem Briten Simon Pegg, der seit dem begeisternden vierten Teil aus dem Jahr 2011 zu Ethan Hunts Team gehört. Pegg hat auch jetzt die Aufgabe, das Geschehen mit seinem verspulten und gleichzeitig trocken-britischen Witz zu kommentieren. Mission: Impossible – Rogue Nation geht dabei weiter als noch der Vorgänger. In einer Szene darf sich Pegg sogar über die besonders bescheuerte Masken-Sequenz aus John Woos völlig missratenem Mission: Impossible II lustig machen.

Damals war schwer vorstellbar, dass Mission: Impossible einmal wirklich cool sein könnte. Das lag nicht zuletzt auch an dem legendären, immer etwas verkrampft und manchmal geradezu überschnappenden Ehrgeiz seines Hauptdarstellers. Tom Cruise hat ja wie die Serie schwierige Zeiten hinter sich, seine Rolle bei Scientology, hysterische TV-Interviews, all das. Inzwischen ist ein wenig Ruhe eingekehrt, aber seine Karriere verläuft nach wie vor schlingernd und ist mit deftigen Flops durchsetzt. Ausgerechnet in Mission: Impossible findet Cruise wieder zu sich selbst, hier darf er immer noch den grinsenden Sunnyboy spielen, und so schlecht Cruise auch in Rollen aussehen mag, die eine gewisse dramatische Tiefe verlangen – diese eine Figur beherrscht er auch im Alter von 53 Jahren noch perfekt. Und wenn sein Ehrgeiz ihn dazu treibt, sich an startende Flugzeuge zu hängen – bitteschön. Vor green screens herumhampelnde Comic-Helden hängt er damit allemal ab. 

Update, 04.08.2015: In einer früheren Version dieses Artikels wurde ein falsches Alter von Tom Cruise angegeben. Wir haben den Fehler korrigiert. Vielen Dank für die Hinweise.