Lebt es sich nicht unbeschwerter ohne Hoffnung? Ist es nicht einfacher, wenn man weiß, dass alles keine Zukunft hat? "I'm gonna leave you anyway /you're gonna walk right out that door" ist das Titellied der amerikanischen Sitcom You're the worst ("Du bist das Schlimmste"). Trotzdem ist es eine Liebesgeschichte. Sogar die perfekte Liebesgeschichte für unsere Zeit, wie die Vanity Fair fand. Sie handelt von zwei Misanthropen in Los Angeles, die niemals eine Beziehung wollten, und gerade deswegen in einer landen.

Aya Cash, die schon jetzt Kultstatus verdient, spielt Gretchen Cutler, eine narzisstische, faule Musikagentin, die sogar hartgesottene Rapper dazu bringt, sich artig zu entschuldigen, wenn sie mal wieder ein Fotostudio kurz und klein geschlagen haben. Und Chris Geere spielt Jimmy Shive-Overly, einen selbstsüchtigen und selbstmitleidigen Schriftsteller, der seine ekelhafte Art als moralische Überlegenheit missversteht. Leider ist seine britisch-scharfe Zunge in der Synchronfassung etwas plump geraten. 

Sex aus Langeweile

In der Verachtung, die Gretchen und Jimmy der Hochzeit einer gemeinsamen Freundin entgegenbringen, finden sie eine erste Gemeinsamkeit. Jimmy teilt dem Brautpaar seine Haltung mit, indem er auf allen an die Gäste verteilten Wegwerfkameras ein Bild seiner Genitalien hinterlässt, während Gretchen einen noch als Geschenk verpackten Mixer vom Gabentisch klaut. ("Oh Mann, ich dachte, es ist so eine sauteure Küchenmaschine", sagt sie, als sie ihren Irrtum entdeckt, und wirft das Paket in einen Busch). Als sie miteinander schlafen, sagt sie, gelangweilt Kaugummi kauend, "Was tu ich hier bloß? Ich bin nicht mal von dir angezogen." Entrüstet antwortet er: "Was hat das denn damit zu tun?" Augenrollen, weitermachen.

Während sich andere Sitcoms an Geschlechterklischees abarbeiten, treffen hier zwei ausgearbeitete Figuren aufeinander, zwei komplexe Persönlichkeiten mit eigenen Geschichten. Sie mögen widerlich sein, aber man hat das Gefühl, dass man ihnen wirklich in einer hippen Bar begegnen könnte, wo sie einen wahrscheinlich mit einem Drink bewerfen würden. Man will also direkt mit ihnen befreundet sein.

In den neun Folgen der ersten Staffel werden die Figuren immer plastischer, weil sie einander und dem Publikum immer neue Geheimnisse offenbaren, und sei es bloß die enorm unaufgeräumte Wohnung oder Jimmys Fehde mit der Buchladenbesitzerin, die sein geflopptes Erstlingswerk nicht ausstellen will. Diese liebevolle Ausgestaltung der Details der Charaktere erstreckt sich auch auf die Nebenfiguren. Hätte Produzent Stephen Falk nicht ein solches Händchen für die Schaffung glaubwürdiger Figuren, die er auch schon als Produzent von Orange is the New Black bewiesen hat, wären die besten Freunde Lindsay und Oscar platte Witzfiguren.

Verwöhnte Westküstenkreative

Doch so bekommt selbst die hohlköpfige Lindsay, die von Kether Donahue voller Selbstironie gespielt wird, eine tragische Dimension, gefangen, wie sie ist in ihrer unglücklichen Vorstadtehe. Selten hat jemand mit einer solchen Wonne die Worte "Kokain" und "Schlampen" über die Lippen gebracht, selbst dann noch, als sie ihren Mund vom Zahnarzt zubinden lässt, um auch endlich so dünn zu werden wie die heuschreckenartigen Hausfrauen ihres Villenquartiers.

Desmond Borges spielt Jimmys liebevollen Mitbewohner Oscar, der den verwöhnten Westküstenkreativen seine Probleme entgegenhält. Nicht nur, dass er für Jimmy kocht und putzt, statt Miete zu zahlen, "nein, meine echten Probleme: dass ich immer Albträume hab und heule und die ganze Zeit Heroin nehmen will." Er ist Veteran des Irakkriegs und leidet an posttraumatischen Belastungsstörungen. Doch das wird völlig nonchalant behandelt, Misanthropie erstreckt sich schließlich auch auf Veteranen mit Drogenproblemen. Ist ja auch nicht schlimmer als die Traumata, die alle anderen mit sich rumtragen.

Siehe da: Erfrischender Zynismus ist möglich. Also Schluss mit zuckersüßen Hollyschnulzen, in denen die einzigen Konflikte darauf beruhen, dass er vom Mars kommt und sie von der Venus. Es geht auch anders, realitätsnaher und streitlustiger. Man trinkt zu viel, raucht zu viel, kokst zu viel, und schreit "Denk ja nicht, dass ich Gefühle für dich habe, du Arschloch" und rennt weg und knallt die Tür hinter sich zu. Ist das nicht Liebe? Ja, und das ist auch genau richtig. Davon erzählt You're the Worst.

"You're the Worst" läuft ab heute immer montags in Doppelfolgen um 22:50 Uhr auf sixx.