Vor allem ein Genre ist in Deutschland erfolgreich: die Komödie. Filme von Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Fack ju Göhte – so was.Aber Thriller, Action, Horror, Fantasy? Von diesen Genres wird viel zu wenig in Deutschland gedreht, und damit fehlt der Mittelbau, der das Publikum an das deutsche Kino binden könnte und sollte. Jetzt kommt Boy 7, ein Sci-Fi-Thriller, in die Kinos. Dessen Regisseur Özgür Yildirim hat schon einen Gangsterfilm (Chiko) und ein Musiker-Biopic (Blutsbrüdaz) gemacht und tritt ganz offensiv mit dem Anliegen an, das Genre-Kino stärken zu wollen. Sympathisch, ja. Aber was hilft's, wenn Boy 7 dann doch die Vorurteile gegen deutsche Thriller-Versuche eher bestärkt als abbaut?

Dabei beginnt der größtenteils in Yildirims Heimatstadt Hamburg entstandene Film vielversprechend. Der Jugendliche Sam (David Kross) erwacht auf den Gleisen der U-Bahn, ohne Erinnerung daran, wer er ist und wie er hierher kam. In verwackelten, delirierenden Bildern sieht der Zuschauer, was Sam sieht. Die subjektive Kamera lässt ihn Sams Orientierungslosigkeit spüren, dessen Stolpern, Straucheln, Stöhnen. In der U-Bahn-Station will ein Polizist Sam festnehmen, aber der stellt zu seiner eigenen Überraschung fest, dass er ziemlich gut im Nahkampf ist. Er entkommt. Was folgt, ist nun nicht mehr in der ersten Person gefilmt, die Kamera gewährt dem Zuschauer einen besseren Überblick über das Geschehen. Wobei ihm eine große Portion guten Willens abverlangt wird, milde über die kratergroßen Logik-Löcher der Geschichte hinwegzusehen.

Durch einen sehr großen Zufall entdeckt Sam ein Tagebuch, das offensichtlich von ihm selbst stammt und Aufschlüsse über seine Vergangenheit zulässt. Durch einen noch größeren Zufall trifft er auf Lara (Emilia Schütte), die ebenfalls so ahnungslos ist wie er selbst. Gemeinsam studieren sie das Buch und versuchen, zu rekonstruieren, was mit ihnen geschehen ist. Wie es scheint, waren beide Insassen der futuristischen "Kooperative X", einer Mischung aus Elite-Internat und Besserungsanstalt, in der straffällig gewordene Jugendliche resozialisiert werden sollen. Allerdings sterben immer wieder Insassen unter mysteriösen Umständen oder brechen mit Nasenbluten zusammen. Sam und Lara, die hier Boy 7 und Girl 8 heißen, kommen einem Komplott auf die Spur, das sie selbst in Lebensgefahr und schließlich die Bredouille bringt, in der sie sich zu Beginn der Geschichte befinden.

Boy 7 beruht auf der gleichnamigen Romanvorlage der niederländischen Autorin Mirjam Mous, die Kinderbücher und Thriller für Jugendliche schreibt. Das Buch richtet sich an Leser ab 12 Jahren und führt in eine dystopische Zukunft, in der sich die Niederlande in einen Polizeistaat verwandelt haben. Fast zeitgleich mit der deutschen Produktion wurde der Roman auch dort verfilmt und lief im Februar in den holländischen Kinos an. Nicht sehr erfolgreich. Hauptkritikpunkt: Regisseur Lourens Blok imitiere recht ungelenk amerikanische Genre-Vorbilder. Ein Vorwurf, den sich jetzt auch Yildirim machen lassen muss.

Nach dem berauschenden Beginn klammert er sich an die Standards filmischen Erzählens für ein junges Publikum: schnelle Schnitte, Sequenzen, die in möglichst viele Kameraeinstellungen aufgelöst werden, cleaner Look, übertriebene Soundeffekte, ein alles kommentierender Score. Für eigene, kreative Ansätze bleibt bei diesem ständigen Schielen auf die internationale generische Formel-Filmsprache kein Raum. Dabei betont Yildirim, dass er sich auf den Weimarer Stummfilm beziehe, der ja tatsächlich so intensiv wie kein anderes Kino in Europa mit Genre-Erzählungen experimentierte. So nennt Yildirim seinen Anstaltsdirektor Fredersen nach dem Magnaten aus Fritz Langs Metropolis, und er lässt Sam in eine Bar namens "Caligari" stolpern. Aber es bleibt bei diesen Äußerlichkeiten, in der Inszenierung finden sie keinen Widerhall. Die bleibt so ort- und gesichtslos wie ein Werbespot.