Passiert ist erst mal nur das hier: Zwei der beliebtesten Comedians Deutschlands sind für drei Minuten und zweiundvierzig Sekunden aus ihrer Rolle herausgetreten und haben besorgte Minen aufgesetzt. In einem YouTube-Video haben sich Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf an die Öffentlichkeit gewandt und sich explizit den Applaus von Leuten verbeten, "die auch dann laut klatschen, wenn ein Flüchtlingsboot mit 800 Flüchtlingen im Mittelmeer versinkt".

Dass sich Entertainer um die Krisen der Welt kümmern, ist nicht unbedingt neu. Krisenländer können sich darauf verlassen, dass es fünf vor zwölf ist, wenn Angelina Jolie aus dem Flieger steigt und festen Schrittes auf ein Waisenhaus zuläuft. Und doch verhält sich die Sache hier anders: Joko und Klaas hatten durch diese Wortmeldung nichts zu gewinnen, aber vieles zu verlieren. Das liegt an ihrer Rolle als Comedians. 

Klaas Heufer-Umlauf hat das Dilemma, in dem sich die beiden befinden, in dem Video selbst formuliert: "Früher war man Punk, wenn man provozieren wollte. Heute ist man Patriot." Joko und Klaas inszenieren sich selbst als exzessive, antibürgerliche Provokateure. Sie leben davon, immer genau in die andere Richtung zu rennen, sobald sie irgendwo Anstand wittern. Das haben sie mit jenen Teilen der Jugendkultur gemeinsam, die lieber mit dem Dschihadismus oder dem Nationalismus kokettieren, als sich mit dem abzugeben, was die Lehrer, die Leitartikler und die Kanzlerin sagen. In ihrer Show Circus Halligalli haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Grenzen des öffentlichen Anstands mit Anlauf zu überspringen. Ein Jahrzehnt nach der amerikanischen Selbstverletzungsshow Jackass versuchen sie hartnäckig die These zu beweisen, dass es immer noch schlimmer geht.    

Mitgefühl als Mutprobe

Dieses Alleinstellungsmerkmal haben sie jetzt aufgegeben und damit in Kauf genommen, Teile ihres Publikums vor den Kopf zu stoßen. Sie haben eine Grenze gezogen, eine moralisierende Rede über Anstand und Mitgefühl gehalten und damit ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Der Beifall, den es dafür gab, galt nicht nur dem Inhalt ihrer Rede, sondern gleichermaßen der Geste. Im gewissen Sinne haben sie mit ihrem Appell genau das getan, was sie immer tun: Sie sind volles Risiko eingegangen. Sie waren selbst in dem Moment, in dem sie sich zu bürgerlichen Werten bekennen, wagemutige Jackasses. Und haben so implizit vorgeführt, dass Mitgefühl und Hilfsbereitschaft in der Öffentlichkeit eben keine elitären Plattitüden, sondern tatsächlich Mutproben sind.

In seiner ersten Sendung nach den Anschlägen vom 11. September hat der amerikanische Comedian Jon Stewart seine Sendung eröffnet, indem er die Zuschauer fragte, ob sie okay seien und dass er dafür bete, dass sie es sind. Und er entschuldigte sich dafür, angesichts der Ereignisse nicht mehr tun zu können, als zitternd vor ihnen zu sitzen. Dann hielt er eine emotionale Rede über die Notwendigkeit einer offenen Gesellschaft und über den Luxus der Meinungsfreiheit, also jenes Grundrecht, auf das sich auch die Leute gern berufen, wenn sie Kriegsflüchtlinge dieser Tage zu überversorgten Sozialschmarotzern erklären und ihnen nicht einmal eine Campingliege in einer unbeheizten Turnhalle gönnen. Diesen Leuten haben Joko und Klaas nun gesagt: "Ihr seid die Dummheit."

Wie Jon Stewart 2001 haben sich Joko und Klaas als Anhänger einer Gesellschaft zu erkennen gegeben, die es ihnen überhaupt erst erlaubt, diese oder jede andere Rolle einzunehmen. Sie haben eine Wertegemeinschaft aufleuchten lassen, die sie sonst unterlaufen. Dass sie von sich selbst behaupten, für moralische Appelle nicht unbedingt geeignet zu sein, ist deshalb mindestens untertrieben: Sie sind genau die Richtigen.